Entscheidung
5 StR 432/17
Bundesgerichtshof, Entscheidung vom
StrafrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2017:121217B5STR432
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2017:121217B5STR432.17.0 BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS 5 StR 432/17 vom 12. Dezember 2017 in der Strafsache gegen wegen Sachbeschädigung u.a. - 2 - Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbun- desanwalts und der Beschwerdeführerin am 12. Dezember 2017 gemäß § 349 Abs. 2 und 4 StPO beschlossen: Auf die Revision der Angeklagten wird das Urteil des Landge- richts Bremen vom 23. März 2017 aufgehoben; jedoch bleiben die Feststellungen zu den objektiven Tatgeschehen aufrecht- erhalten. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen. Die weitergehende Revision wird verworfen. Gründe: Das Landgericht hat die Angeklagte freigesprochen und ihre Unterbrin- gung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Hiergegen richtet sich ihre auf die Sachrüge gestützte Revision, die in dem aus der Entscheidungs- formel ersichtlichen Umfang Erfolg hat. I. 1. Nach den Feststellungen des Landgerichts trennte sich der Geschä- digte im Sommer 2013 nach fast zehnjähriger wechselvoller Beziehung von der im Jahr 1968 geborenen Angeklagten. Grund waren ihre aus seiner Sicht über- 1 2 - 3 - handnehmenden psychischen Auffälligkeiten, die sich unter anderem in depressiven Phasen, zuletzt auch in Verfolgungsideen äußerten. Nach der Trennung belästigte die nicht vorbestrafte Angeklagte ihn durch eine Vielzahl von Telefonanrufen und Textnachrichten mit teilweise beleidigendem und be- drohendem Inhalt. Unter anderem drohte sie, ihn umzubringen und sein Haus anzuzünden. Der Geschädigte erwirkte deshalb wiederholt Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz gegen die Angeklagte, die sie aber nicht an weiteren Kontaktversuchen hinderten. Anlass der Unterbringung der Angeklagten sind folgende Einzeltaten: Am 17. Dezember 2013 verursachte sie am Audi A8 des Geschädigten mit einer Vielzahl von Hammerschlägen einen Totalschaden (Tat 1). Am 28. November 2014 suchte sie gegen 23:50 Uhr den Bruder des Ge- schädigten und dessen Ehefrau auf. Ihnen sagte sie, dass sie Gerechtigkeit wolle, selbst wenn sie dafür jemanden aus der Familie „aufschlitzen“ müsse. Dies führte in der Familie zu großer Besorgnis auch um die Sicherheit und die körperliche Unversehrtheit der Kinder (Tat 2). Am 8. Dezember 2014 beschmierte sie das Auto des Geschädigten mit Exkrementen sowie Erde und legte drei benutzte Tampons auf die Motorhaube (Tat 3). Am 13. Dezember 2014 begab sie sich zur Arbeitsstätte des Geschädig- ten, schrie laut herum und trat drei Scheiben der Eingangstür des ihm gehören- den Hauses ein (Tat 4). Nachdem wegen dieser Tatvorwürfe am 5. Januar 2015 die Hauptver- handlung vor dem Amtsgericht Bremen-Blumenthal begonnen hatte, suchte die 3 4 5 6 7 - 4 - Angeklagte am 13. Juni 2015 gegen 0:00 Uhr erneut die Arbeitsstätte des Geschädigten auf und schlug mit einem Hammer sechs Glaselemente der Hauseingangstür ein (Tat 5). Am 17. Juli 2015 suchte die Angeklagte abermals die Arbeitsstätte des Geschädigten auf und klopfte an der Tür, obwohl ihr dies durch Beschluss des Amtsgerichts Bremen vom 19. Juni 2015 untersagt war (Tat 6). Am 18. Juli 2015 stellte sich die Angeklagte vor das Auto des Geschä- digten, so dass er nicht wegfahren konnte. Sie wollte mit ihm reden, obwohl ihr das durch den vorgenannten Beschluss untersagt war. Nachdem sie auf Hand- zeichen nicht reagiert hatte, sprach er mit ihr (Tat 7). Über diese Taten hinaus kam es zu weiteren Vorfällen, von deren Ver- folgung gemäß § 154 StPO abgesehen wurde. Zwischenzeitlich war die Ange- klagte wohnungslos, weil ihr wegen ihres den Hausfrieden störenden Verhal- tens die Wohnung gekündigt worden war. 2. Die vom Amtsgericht beauftragte psychiatrische Sachverständige kam nach am 16. Oktober 2015 erfolgter Exploration der Angeklagten zu dem Er- gebnis, dass die Angeklagte unter einer „manischen Psychose mit psychoti- schen Symptomen“ leide. Ohne eine dringend notwendige medikamentöse Be- handlung sei damit zu rechnen, dass sie angesichts ihres massiven Hasses und der zerstörerischen Wut auf den Geschädigten weitere Straftaten bis hin zu Gewalt- und Brandstiftungsdelikten begehen werde. Daraufhin erließ das Amtsgericht einen Unterbringungsbefehl nach § 126a StPO, der ab dem 14. April 2016 vollzogen wurde, und verwies das Verfahren an das Landgericht, da eine Unterbringung nach § 63 StGB in Betracht komme. 8 9 10 11 - 5 - In der Hauptverhandlung vor dem Landgericht am 10. Oktober 2016 stellte die Strafkammer im Einklang mit der Sachverständigen eine Verbesse- rung des psychischen Zustands der Angeklagten fest und hob den Unterbrin- gungsbefehl auf. Zwar blieb die Sachverständige bei ihrer Diagnose, kam je- doch zu einer abweichenden Gefährlichkeitsprognose, da sich die Angeklagte im Rahmen der Therapie im Maßregelvollzug von ihrem ehemaligen Lebensge- fährten „abgekoppelt“ habe. Nach der Entlassung aus der Unterbringung beobachtete die Strafkam- mer eine fortschreitende Verschlechterung des psychischen Zustands der An- geklagten, die zunehmend unruhig sowie getrieben wirkte und sich situa- tionsunangemessen verhielt. Kurz vor Schluss der Beweisaufnahme kam es am 5. Februar 2017 zu einem erneuten Vorfall: Die Angeklagte wartete in ihrem Auto vor der Arbeitsstelle des Geschädigten. Als er erschien, formte sie mit ih- rer erhobenen Hand eine Pistole und gestikulierte deren Abschuss. 3. Die Strafkammer ist sachverständig beraten zu der Überzeugung ge- langt, dass die Steuerungsfähigkeit der Angeklagten bei Begehung der Anlass- taten sicher vermindert, nicht ausschließbar aber aufgehoben gewesen sei. Die Angeklagte habe im Tatzeitraum an einer schweren manischen Episode mit psychotischen Symptomen (ICD-10: F 30.02) gelitten. Aufgrund ihrer histrio- nisch-narzisstischen Primärpersönlichkeit in Verbindung mit der psychotischen Manie habe sie auf die Zurückweisung durch ihren früheren Partner völlig un- angemessen reagiert. Während ihre „exekutive Steuerungsfähigkeit“ im Sinne einer zielgerichteten Handlungsdurchführung noch gegeben gewesen sei, sei ihre „motivationale Steuerungsfähigkeit“, das Hemmungsvermögen gegen normwidrige Motive, im Tatzeitraum in Wellen immer wieder aufgehoben gewe- sen. Unter der Reizabschirmung im Rahmen der vorläufigen Unterbringung ha- 12 13 14 - 6 - be sie sich beruhigen können. Bei Berücksichtigung des Vorfalls vom 5. Febru- ar 2017 sowie des Umstands, dass die Angeklagte selbst unter dem Druck der laufenden Hauptverhandlung eine solche Handlung vornehme, sei indes fest- zustellen, dass das Wahnthema doch immer noch aktuell sei. Bei massiver psychotischer Dynamik ohne Behandlung sei eine Steigerung der Schwere der von der Angeklagten zu erwartenden Straftaten zu prognostizieren. Es bestehe eine hohe Gefahr von Gewalttätigkeiten gegen Menschen in Form von wenigs- tens gefährlichen Körperverletzungen, aber auch von Brandstiftungsdelikten. II. Die Maßregelentscheidung hält rechtlicher Überprüfung nicht stand. 1. Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach § 63 StGB darf nur angeordnet werden, wenn zweifelsfrei feststeht, dass die unter- zubringende Person bei der Begehung der Anlasstat aufgrund eines länger dauernden psychischen Defektes schuldunfähig oder vermindert schuldfähig war und die Tatbegehung hierauf beruht (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 19. Januar 2017 – 4 StR 595/16, NStZ-RR 2017, 203 f. mwN). Daneben ist ei- ne Wahrscheinlichkeit höheren Grades erforderlich, sie werde infolge ihres fortdauernden Zustands in Zukunft erhebliche rechtswidrige Taten begehen, durch welche die Opfer seelisch oder körperlich erheblich geschädigt oder er- heblich gefährdet werden oder schwerer wirtschaftlicher Schaden angerichtet wird (§ 63 Satz 1 StGB in der am 1. August 2016 in Kraft getretenen Neufas- sung durch das Gesetz zur Novellierung des Rechts der Unterbringung in ei- nem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 des Strafgesetzbuches und zur Änderung anderer Vorschriften vom 8. Juli 2016, BGBl. I S. 1610). 15 16 - 7 - 2. Diesen Anforderungen wird die Gefährlichkeitsprognose des Landge- richts nicht gerecht. a) Das Landgericht ist davon ausgegangen, dass die Anlasstaten – un- geachtet der Tatsache, dass sie den Alltag des Geschädigten erheblich beein- trächtigten und er in großer Sorge um seine Familie war – keine erheblichen Taten im Sinne des § 63 Satz 1 StGB darstellen. Diese Wertung hält sich im Rahmen ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Zwar sind danach Bedrohungen nicht von vornherein als unerhebliche Taten einzustufen. Na- mentlich Todesdrohungen, die den Bedrohten nachhaltig und massiv in seinem elementaren Sicherheitsempfinden zu beeinträchtigen vermögen, können schwerwiegende Störungen des Rechtsfriedens verursachen. Schon im Hin- blick auf das Gewicht der Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus ist jedoch erforderlich, dass die Bedrohung in ihrer konkreten Ausgestaltung aus der Sicht des Betroffenen die naheliegende Gefahr ihrer Verwirklichung in sich trägt (vgl. BGH, Beschlüsse vom 3. April 2008 – 1 StR 153/08, StraFo 2008, 300 f.; vom 22. Februar 2011 – 4 StR 635/10, NStZ-RR 2011, 202 f.; Urteil vom 12. Juni 2008 – 4 StR 140/08, NStZ 2008, 563). Hinreichende Feststellungen in dieser Richtung enthält das angefochtene Urteil indessen nicht. b) Unter diesen Vorzeichen darf – was das Landgericht nicht verkennt – nach § 63 Satz 2 StGB die Unterbringung nur angeordnet werden, wenn be- sondere Umstände die Erwartung rechtfertigen, dass die unterzubringende Person infolge ihres Zustandes (andere) rechtswidrige Taten begehen wird, die den in § 63 Satz 1 StGB bezeichneten Schweregrad erreichen. Hierfür hat das Landgericht zwar zu erwartende Gewalttaten in Form von wenigstens gefährli- chen Körperverletzungen oder Brandstiftungen benannt. Hinreichende Anhalts- punkte für diese Erwartung sind jedoch nicht dargetan. 17 18 19 - 8 - Die in den Jahren 2013 bis 2015 begangenen Anlasstaten belegen nicht die angenommene Gefahr von Gewalttätigkeiten gegen Menschen. Soweit er- sichtlich geht die Annahme drohender Körperverletzungen oder Brandstiftun- gen vor allem auf Äußerungen der Beschwerdeführerin im Jahre 2014 gegen- über dem Geschädigten bzw. der Familie seines Bruders zurück, die am An- fang der von der Beschwerdeführerin ausgehenden Belästigungen standen. Das Urteil setzt sich nicht damit auseinander, dass die Angeklagte in der Folge- zeit, in der sie sich überwiegend in Freiheit befand, ungeachtet ihrer fortdau- ernden psychischen Erkrankung und trotz der wiederholten Nähe zum Geschä- digten nichts unternahm, um ihre Drohungen in die Tat umzusetzen. Die Straf- kammer hat auch nicht festgestellt, dass bei ihr eine latente Neigung zu Ge- walttätigkeiten gegen Menschen zu erkennen gewesen wäre (vgl. BGH, Urteil vom 22. Dezember 2016 – 4 StR 359/16, StV 2017, 580). Den Ausführungen des Landgerichts kann schließlich selbst in ihrem Gesamtzusammenhang nicht entnommen werden, dass die Angeklagte etwa in Verbindung mit den Gewalt- drohungen gegenüber dem Geschädigten und seiner Familie gefährliche Ge- genstände bei sich geführt und damit ein erhebliches Druckpotential aufgebaut (vgl. BGH, Urteil vom 12. Juni 2008 – 4 StR 140/08, NStZ 2008, 563 f.; Be- schluss vom 18. November 2013 – 1 StR 594/13, NStZ-RR 2014, 75, 77) oder sich gedanklich mit näher spezifizierten Tötungsarten beschäftigt hätte (vgl. BGH, Beschluss vom 18. November 2013 – 1 StR 594/13 aaO). Für die Wahr- scheinlichkeit der Begehung von Brandstiftungen fehlt ungeachtet der früheren Äußerung der Angeklagten jeglicher Anhalt. Dass die Angeklagte den Geschädigten kurze Zeit nach ihrer Freilassung während laufender Hauptverhandlung mit einem Pistolenhandzeichen bedroht hat, mag zwar – wie von der Strafkammer im Einklang mit der Sachverständi- gen angenommen – einen hohen Handlungsdruck aufgrund einer Verschlech- 20 21 - 9 - terung ihres seelischen Zustands belegen. Diese Handlung lässt aber wiede- rum keine qualitative Steigerung des bisherigen deliktischen Verlaufs erkennen. Sie ist überdies in die besondere Situation der Hauptverhandlung einzuordnen, in der die Angeklagte mit dem Geschädigten und ihrer Beziehung zu ihm kon- frontiert wurde. Auch nach dem neuen Vorfall bleibt offen, weshalb mit einer Umsetzung der Gewaltdrohungen konkret zu rechnen ist. Die Gefahr einer Steigerung des Krankheitsverlaufs und der hierauf zurückzuführenden Strafta- ten wird nicht dargelegt. Es bedürfte einer nachvollziehbaren Erklärung dafür, weshalb die Angeklagte mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre – soweit ersichtlich – bislang (noch) intakte innere Hemmschwelle zur körperlichen Gewalttätigkeit gegen Personen mit einer Wahrscheinlichkeit höheren Grades überschreiten wird. Einer solchen ermangelt es. 3. Der Senat schließt nicht aus, dass noch Feststellungen getroffen wer- den können, die – etwa unter dem Aspekt schwerwiegender Bedrohung im oben genannten Sinn – die Voraussetzungen des § 63 Satz 1 StGB erfüllen. Über die Anordnung der Maßregel ist deshalb erneut zu entscheiden. Mit Blick auf die Vorschrift des § 358 Abs. 2 Satz 2 StPO hebt der Senat auch den Freispruch der Angeklagten auf. Er schließt nicht aus, dass die neue tatgerichtliche Verhandlung und die erneute Begutachtung der Angeklagten – womöglich durch einen anderen Sachverständigen –, die auch eine aktuelle Exploration erfordern wird, eine abweichende Beurteilung ihrer Schuldfähigkeit bei Begehung der Anlasstaten ergeben wird, zumal die aus den im Urteil wie- dergegebenen Darlegungen der Sachverständigen die Inhalte des die Ange- klagte treibenden Wahns nur umrisshaft deutlich werden lassen und sich gege- benenfalls Zweifel ergeben könnten, ob diese nicht bereits die Unrechtseinsicht aufgehoben haben (vgl. BGH, Beschluss vom 11. Juli 2017 – 3 StR 90/17). 22 23 - 10 - Die Aufhebung (auch) des Freispruchs entspricht im vorliegenden Fall dem Ziel des Gesetzgebers, durch die Regelung des § 358 Abs. 2 Satz 2 StPO zu vermeiden, dass nach einer erfolgreichen Revision eines Angeklagten gegen die alleinige Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Kranken- haus wegen angenommener Schuldunfähigkeit gemäß § 20 StGB die Tat ohne strafrechtliche Sanktion bleibt, wenn sich in der neuen Hauptverhandlung her- ausstellt, dass er bei Begehung der Tat schuldfähig war (BT-Drucks. 16/1344, S. 17). Das neue Tatgericht bleibt jedoch gehindert, nach Aufhebung der iso- liert angeordneten Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus erneut die Unterbringung anzuordnen und zugleich erstmals Strafe zu verhängen (BGH, Beschlüsse vom 24. Oktober 2013 – 3 StR 349/13, NStZ-RR 2014, 89; vom 26. Juli 2016 – 3 StR 211/16). 4. Von der Aufhebung nicht betroffen sind die rechtsfehlerfreien Feststel- lungen zu den objektiven Tatgeschehen. Vom neuen Tatgericht gegebenenfalls ergänzend getroffene Feststellungen dürfen den bisherigen nicht widerspre- chen. Mit der Aufhebung des Urteils ist die Kostenbeschwerde der Angeklagten gegenstandslos. Mutzbauer Sander Schneider Dölp König 24 25