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Leitsatz

XII ZR 89/21

Bundesgerichtshof, Entscheidung vom

ZivilrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2022:261022UXIIZR89
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2022:261022UXIIZR89.21.0 BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL XII ZR 89/21 Verkündet am: 26. Oktober 2022 Kappel, Justizfachangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle in dem Rechtsstreit Nachschlagewerk: ja BGHZ: ja BGHR: ja BGB §§ 307 Abs. 1 Bb, 858 Abs. 1, 862, 866 Eine Klausel in Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die dem Vermieter einer Autobatterie nach außerordentlicher Kündigung des Mietvertrags die Fern- sperrung der Auflademöglichkeit erlaubt, ist wegen unangemessener Benachtei- ligung des Mieters als Verbraucher unwirksam, wenn dieser die Weiterbenutzung der Batterie und seines - gesondert erworbenen, geleasten oder gemieteten - E-Fahrzeugs im Streitfall nur durch gerichtliche Geltendmachung einer weiteren Gebrauchsüberlassung erreichen kann. BGH, Urteil vom 26. Oktober 2022 - XII ZR 89/21 - OLG Düsseldorf LG Düsseldorf - 2 - Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 28. September 2022 durch den Vorsitzenden Richter Dose und die Richter Prof. Dr. Klinkhammer, Dr. Nedden-Boeger, Dr. Botur und Guhling für Recht erkannt: Die Revision gegen das Urteil des 20. Zivilsenats des Oberlandes- gerichts Düsseldorf vom 7. Oktober 2021 wird auf Kosten der Be- klagten zurückgewiesen. Von Rechts wegen Tatbestand: Der Kläger, ein nach § 4 UKlaG zugelassener Verbraucherschutzverein, macht gegen die Beklagte die Unterlassung der Verwendung von AGB-Klauseln bei Vermietung von Batterien für Elektrofahrzeuge geltend. Die Beklagte, eine französische Bank, vertreibt verschiedene Finanzpro- dukte und vermietet zudem Batterien für von ihren Kunden gekaufte oder ge- leaste R. -Elektrofahrzeuge. Hierfür verwendet sie „Allgemeine Batterie- Mietbedingungen (unbefristeter Mietvertrag)“, im Folgenden: AGB. Nr. XVI ihrer AGB lautet: „Folgen der Beendigung der Leistungserbringung durch die Vermie- terin 1 2 3 - 3 - Im Falle der außerordentlichen Vertragsbeendigung infolge Kündi- gung wird die Vermieterin die Sperre der Wiederauflademöglichkeit der Batterie zunächst mit 14-tägiger Frist vorher ankündigen. Die Androhung kann auch zusammen mit der Kündigung erfolgen. Die Vermieterin ist in diesem Fall nach Ablauf der Ankündigungsfrist be- rechtigt, ihre Leistungspflicht einzustellen und die Wiederauflade- möglichkeit der Batterie zu unterbinden. Die Geltendmachung des Herausgabeanspruchs bleibt hiervon unberührt.“ Nr. XVIII der AGB regelt die Vertragsbeendigung durch Kündigung des Mietvertrags, einschließlich des Rechts zur Kündigung aus wichtigem Grund (Nr. XVIII 4, außerordentliche Kündigung). Das Landgericht hat die Beklagte antragsgemäß zur Unterlassung der Verwendung von Nr. XVI ihrer AGB gegenüber Verbrauchern verurteilt. Das Be- rufungsgericht hat die von der Beklagten eingelegte Berufung zurückgewiesen. Dagegen richtet sich deren zugelassene Revision, mit der sie weiterhin die Ab- weisung der Klage erstrebt. Entscheidungsgründe: Die Revision hat keinen Erfolg. I. Nach Auffassung des Berufungsgerichts, dessen Urteil in WM 2022, 389 veröffentlicht ist, ist die streitgegenständliche Klausel gemäß § 307 Abs. 1 und 2 Nr. 1 BGB unwirksam. Sie sei mit wesentlichen Grundgedanken der gesetzlichen Regelung nicht zu vereinbaren. 4 5 6 7 - 4 - Ob der Fernzugriff automatisiert mit Hilfe einer sogenannten Blockchain oder durch einen Mitarbeiter ausgelöst werde, sei ohne Relevanz. Denn eine sol- che „Sperre“, d.h. das Unmöglichmachen des Aufladens nach Kündigung des Mietvertrags, sei vom Gesetz nicht vorgesehen. Zwar sei der Kunde nach Kündi- gung des Mietvertrags zur Herausgabe der Batterie verpflichtet. Ein Zugriffsrecht des Vermieters im Wege der Selbsthilfe existiere jedoch nicht. Das Sperren der Auflademöglichkeit stelle vielmehr eine verbotene Eigenmacht iSd § 858 Abs. 1 BGB dar. Das „Rechtsinstitut der verbotenen Eigenmacht“ verbiete die Entzie- hung oder sonstige Störung des Besitzes ohne Willen des Besitzers. Es diene dem Schutz des staatlichen Gewaltmonopols, indem es eigenmächtige Eingriffe in Sachen, die in fremdem Besitz stehen, unabhängig von der schuldrechtlichen Rechtslage untersage. Ein Eingriff in die unmittelbare Sachherrschaft des Besit- zers dürfe nur aufgrund eines staatlichen Vollstreckungstitels erfolgen. Es liege eine Besitzstörung vor. Zwar habe der Mieter auch nach der Sper- rung der Wiederauflademöglichkeit noch die faktische Sachherrschaft über die Batterie. Er könne diese aber nicht mehr bestimmungsgemäß nutzen, um sie auf- zuladen, in seinem Elektrofahrzeug einzusetzen und sich damit fortzubewegen. Die Möglichkeit der Nutzung sei jedoch Bestandteil der tatsächlichen Sachherr- schaft und damit des Besitzes. Durch das Sperren der Auflademöglichkeit werde die Einwirkungsmacht des Mieters eingeschränkt. Die vorliegende Fallgestaltung unterscheide sich von der Einstellung von (Versorgungs-)Leistungen durch den Vermieter von Gewerberäumen. Eine wei- tere Schädigung des Vermieters sei hier nicht zu befürchten, weil der Mieter die Batterie nicht mit von der Beklagten geliefertem Strom auflade, sondern den Strom auf eigene Kosten beschaffen müsse. Bei der Gefahr der weiteren Abnut- zung der Batterie realisiere sich lediglich das typische Risiko eines Vermieters im Fall einer Nichtrückgabe und Weiternutzung. Für den Mieter der Batterie werde 8 9 10 - 5 - der Besitz - im Gegensatz zum Besitz einer Gewerberaumimmobilie bei Einstel- lung von Versorgungsleistungen - nach Sperrung der Auflademöglichkeit nutzlos. Mit einer Sperrung von Mobilfunkleistungen sei die Lage nicht vergleich- bar, weil diese gesetzlich vorgesehen sei. Ein Mobilfunkanbieter solle davor ge- schützt werden, weiterhin kostenpflichtige Leistungen an einen säumigen Ver- tragspartner zu erbringen und damit das Insolvenzrisiko zu tragen. Dieses Risiko bestehe für die Beklagte jedoch nicht. Es sei wohl auch zu berücksichtigen, dass der Festnetz- oder Mobilfunkkunde nach einer Sperrung weiterhin zur Nutzung seines Telefongeräts über einen anderen Anbieter in der Lage bleibe, während solches dem Mieter einer Batterie für ein R. -Elektrofahrzeug mangels tech- nischer Kompatibilität gerade nicht möglich sei. Soweit die Beklagte darauf ver- weise, dass für den Mieter nach Beendigung des Mietvertrags die Möglichkeit bestehe, die Batterie bei der Beklagten zu kaufen, könne dieser Umstand eine Besitzstörung nicht ausschließen. Schließlich führe auch die in der Literatur vereinzelt vorgenommene Diffe- renzierung zwischen Beeinträchtigungen von außen und - bei „selbstvollziehen- den Verträgen“ („Smart Contracts“) - von innen für den vorliegenden Fall zu kei- nem abweichenden Ergebnis. Denn selbst nach dieser Auffassung solle der ding- liche Besitzschutz jedenfalls nicht durch Allgemeine Geschäftsbedingungen aus- geschlossen werden können. Da die streitgegenständliche Klausel gegen die Vorschrift des § 858 Abs. 1 BGB verstoße bzw. eine unberechtigte Selbsthilfe im Sinne von § 229 BGB ermöglichen solle, sei sie unwirksam und bedürfe es keiner weiteren Abwä- gung, ob die Klausel auch aus anderen Gründen unangemessen im Sinne von § 307 Abs. 1 BGB sei. Der Mieter könne durch den Abschluss des Mietvertrags unter Einbeziehung der AGB auch nicht in die Sperrung der Batterie und damit in 11 12 13 - 6 - die Besitzstörung einwilligen, weil das Recht der Selbsthilfe einer stark einge- schränkten Dispositionsbefugnis der Vertragsparteien unterliege. Selbst im Fall einer Zustimmung bei Vertragsabschluss liege verbotene Eigenmacht vor, wenn der Wille des Mieters, eine solche Maßnahme zu gestatten, nicht mehr vorhan- den sei. II. Das hält rechtlicher Nachprüfung jedenfalls im Ergebnis stand. Das Beru- fungsgericht ist zutreffend von der internationalen Zuständigkeit deutscher Ge- richte (Art. 18 Brüssel Ia-VO) und der Anwendbarkeit des deutschen Rechts (Art. 6 Rom I-VO) ausgegangen. Es hat zu Recht eine Unwirksamkeit der streitgegenständlichen Klausel angenommen, die den geltend gemachten Unterlassungsanspruch nach § 1 UKlaG begründet. Danach kann - unter anderem - auf Unterlassung in Anspruch genommen werden, wer in Allgemeinen Geschäftsbedingungen Bestimmungen verwendet, die nach den §§ 307 bis 309 BGB unwirksam sind. Gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB sind Bestimmungen in Allgemeinen Ge- schäftsbedingungen unwirksam, wenn sie den Vertragspartner des Verwenders entgegen den Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen. Gemäß § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB ist eine unangemessene Benachteiligung im Zweifel anzunehmen, wenn eine Bestimmung mit wesentlichen Grundgedanken der gesetzlichen Regelung, von der abgewichen wird, nicht zu vereinbaren ist. Dabei ist nicht nur auf das gesetzliche Leitbild des konkreten Vertrags abzustel- len, sondern es sind auch andere gesetzliche Regelungen und Rechtspositionen 14 15 16 - 7 - der Vertragsparteien zu berücksichtigen (vgl. Erman/Roloff/Looschelders BGB 16. Aufl. § 307 Rn. 24). 1. Die Annahme des Berufungsgerichts, die Sperrung der Auflademöglich- keit stelle eine verbotene Eigenmacht gemäß § 858 BGB dar und löse Ansprüche der Mieter aus Besitzschutz nach §§ 861, 862 BGB aus, woraus eine Unwirk- samkeit nach § 307 BGB folge, bedarf keiner abschließenden Beurteilung. a) Allerdings ist das Berufungsgericht zu Recht davon ausgegangen, dass der Fernzugriff auf die vermietete Batterie eine Besitzbeeinträchtigung darstellt. Das gilt jedenfalls dann, wenn durch den digitalen Fernzugriff - etwa über den „Bordcomputer“ des Fahrzeugs - auf die Steuerung der Batterie zugegriffen wird, wie es in der vorliegenden Fallgestaltung zwischen den Parteien im Ergebnis un- streitig ist. Da durch den Eingriff die Steuerung der vermieteten Batterie beein- flusst wird, handelt es sich um eine Einwirkung auf die Sachsubstanz. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn lediglich eine Einstellung in der Rechnerein- heit des Fahrzeugs geändert würde und dies zur Folge hätte, dass die Wieder- aufladung der Batterie blockiert wird. Der digitale Eingriff in die Steuerung der Mietsache unterscheidet sich in- soweit nicht von einem körperlichen Eingriff in eine elektronische oder mechani- sche Steuerung der Sache. Durch die digitale Sperrung der Auflademöglichkeit wird dementsprechend das gleiche Ergebnis erzielt wie durch deren elektroni- sche oder mechanische Blockade. Da beim Fernzugriff auf die Batterie deren Steuerung beeinflusst wird, handelt es sich auch nicht lediglich um die Vorent- haltung von für den Betrieb der Batterie notwendigen Leistungen, wie sie etwa in der bloßen Unterbrechung der Stromzufuhr läge. Vielmehr liegt eine Beeinträch- tigung der mit dem Besitz verbundenen Einwirkungs- und Ausschlussmacht des Besitzers vor (vgl. Senatsurteil BGHZ 180, 300 = NJW 2009, 1947 Rn. 25 mwN). 17 18 19 - 8 - Der Entfaltung und Ausübung physischer Kraft auf die Mietsache bedarf es hier- für nicht (vgl. Kuschel AcP 220 [2020], 98, 116 ff. „digitale Eigenmacht“; Magnus Internet der Dinge [2022] S. 205 f.; aA Strobel NJW 2022, 2361, 2362). Ob Glei- ches gilt, wenn die Sperrung ohne (nachträglichen) Zugriff auf die Steuerung des Geräts erfolgt (vgl. auch BGH Urteil vom 3. Juni 1981 - VIII ZR 153/80 - NJW 1981, 2684 f.: eingebaute Programmsperre nach Zeitablauf beim Lizenz- vertrag - „expiration date“; vgl. Fries NJW 2019, 901, 905), bedarf im vorliegen- den Fall keiner Entscheidung. Entgegen der Ansicht der Revision (ähnlich Paulus/Matzke CR 2017, 769, 775) unterscheidet sich die vorliegende Fallkonstellation damit vom Fall einer Einstellung von Versorgungsleistungen, der dem Senatsurteil vom 6. Mai 2009 (BGHZ 180, 300 = NJW 2009, 1947) zugrunde lag, in wesentlicher Hinsicht. Denn anders als in jenem Fall liegt keine bloße Leistungseinstellung vor, die für sich genommen eine Besitzstörung nicht zu begründen vermag. Hier wird die Sachnutzung stattdessen durch den Zugriff auf die Batterie entgegen der Aus- schlussmacht des Besitzers und daher durch eine Besitzbeeinträchtigung gehin- dert (vgl. Senatsurteil BGHZ 180, 300 = NJW 2009, 1947 Rn. 36). Das Berufungsgericht hat es ferner zu Recht für unerheblich gehalten, ob der Zugriff auf die Batterie manuell oder automatisiert erfolgt. Denn auch ein au- tomatisierter Eingriff wäre auf die von der Beklagten konzipierte Technik und da- mit letztlich auf von ihr vorgenommene Maßnahmen zurückzuführen. Dann be- steht aber für die rechtliche Bewertung kein ausschlaggebender Unterschied zum manuellen Eingriff in die Steuerung der Batterie (vgl. Klever in Beyer u.a. Privat- recht 2050 - Blick in die digitale Zukunft [2019] S. 379, 383 f.). 20 21 - 9 - Eine verbotene Eigenmacht wird schließlich nicht durch eine tatbestands- ausschließende Einwilligung des Mieters beseitigt. Auch wenn man der streit- gegenständlichen Klausel eine solche Einwilligung entnehmen wollte, müsste diese jedenfalls auch noch bei Sperrung der Auflademöglichkeit aktuell sein (vgl. RGZ 146, 182, 186; Riehm in Fries/Paal Smart Contracts [2019] S. 85, 90 ff.; MünchKommBGB/Joost 8. Aufl. § 858 Rn. 7). Da die Klausel hingegen ih- rem Wortlaut nach ausnahmslos gilt und daher - jedenfalls nach dem im Ver- bandsprozess geltenden Grundsatz der kundenfeindlichsten Auslegung (vgl. BGHZ 215, 23 = NJW 2017, 2538 Rn. 25; BGH Urteil vom 23. Januar 2003 - III ZR 54/02 - NJW 2003, 1237, 1238 f.) - auch für den Fall eingreift, dass der Mieter etwa nach Kündigung der Sperrung widerspricht, würde eine anfängliche Einwilligung des Mieters die Unwirksamkeit der Klausel nicht ausschließen. b) Allerdings wird von Teilen der Literatur vertreten, dass der Vermieter aufgrund der Sperrmöglichkeit Mitbesitzer der Batterie ist (vgl. Magnus Internet der Dinge [2022] S. 111, 207 ff.; Strobel NJW 2022, 2361, 2362), was den Be- sitzschutz gegen eine bloße Besitzstörung ausschließen würde. Im Fall des Mit- besitzes bestünde nach § 866 BGB ein Besitzschutz unter den Mitbesitzern nur gegen eine (vollständige) Entziehung des Besitzes. Eine Besitzentziehung liegt hier indessen nicht vor, weil dem Mieter auch nach Sperrung der Auflademög- lichkeit die den Besitz kennzeichnende Ausschluss- und Einwirkungsmacht ver- bleibt. Der Umfang der Nutzung wie auch deren Dauer ergeben sich erst aus dem zwischen den Mitbesitzern bestehenden Rechtsverhältnis, für dessen Einbezie- hung im Rahmen des Besitzschutzes kein Raum besteht (vgl. § 863 BGB; Se- natsurteil BGHZ 180, 300 = NJW 2009, 1947 Rn. 31). Es erscheint zweifelhaft, ob allein die Sperrmöglichkeit, von der die Be- klagte nur nach Vertragsbeendigung Gebrauch machen will, Mitbesitz begründet 22 23 24 - 10 - oder ob dadurch lediglich die Bedingungen für eine spätere Besitzstörung erleich- tert werden. Dies bedarf aber keiner abschließenden Entscheidung. 2. Denn die streitgegenständliche Klausel stellt auch ohne Rücksicht auf einen etwaigen Besitzschutz eine einseitige Vertragsgestaltung dar, mit der die Beklagte missbräuchlich die eigenen Interessen auf Kosten der Mieter durch- zusetzen versucht, ohne deren Interessen angemessen zu berücksichtigen (vgl. BGH Urteil vom 8. Juli 2009 - VIII ZR 327/08 - NJW 2009, 3295 Rn. 18). a) Durch die allein in der Macht des Vermieters liegende Sperrmöglichkeit wird die Last, sich die weitere Nutzung zu sichern, auf den Mieter abgewälzt. Darin liegt jedenfalls dann eine unangemessene Benachteiligung des Mieters als Verbraucher, wenn dieser die Weiterbenutzung seines - gesondert erworbenen, geleasten oder gemieteten - E-Fahrzeugs im Streitfall nur durch gerichtliche Gel- tendmachung einer weiteren Gebrauchsüberlassung der Batterie erreichen kann. b) Zwar liegt es grundsätzlich im berechtigten Interesse des Vermieters, dass er nach wirksamer Beendigung des Mietvertrags die weitere Nutzung des Mietobjekts unterbinden kann. Denn im Fall der wirksamen Vertragsbeendigung wäre der Mieter nicht mehr zum Besitz der Mietsache berechtigt. Eine von ihm dennoch fortgesetzte Nutzung wäre im Verhältnis der Vertragsparteien rechts- widrig (vgl. zu digitalen Inhalten § 327p BGB) und würde den Vermieter insbe- sondere bei ausbleibenden Mietzahlungen durch Abnutzung des Mietobjekts auch schädigen. Dabei ist es auch nicht schlechthin unzulässig, dass sich eine Vertragspartei die Erfüllung von Ansprüchen im Rahmen der (Rück-)Abwicklung des Vertrags durch tatsächlich (technisch) oder rechtlich ihr günstige Gestaltung sichert. Dass auch die Geltendmachung von Rechten zur Erzwingung der Ge- genleistung oder eines Gegenanspruchs für sich genommen nichts Verwerfliches hat, belegen etwa die gesetzlich vorgesehene Einrede des nichterfüllten Vertrags 25 26 27 - 11 - nach § 320 BGB und das Zurückbehaltungsrecht nach § 273 BGB. Auch die Auf- rechnung mit Gegenforderungen nach §§ 387 ff. BGB ist dementsprechend als eine der Vollstreckung nahe zulässige Forderungsdurchsetzung im Wege der Selbsthilfe bezeichnet worden (BGHZ 130, 76 = MDR 1995, 1223, 1224; BGHZ 173, 328 = WM 2007, 1755, 1757 f.). Auf der anderen Seite steht aber das Interesse des Mieters, sich die wei- tere Vertragserfüllung zu sichern. Dieses ist jedenfalls dann als berechtigt anzu- erkennen, wenn die Wirksamkeit der Kündigung zwischen den Vertragsparteien streitig ist. Beruft sich etwa der Mieter auf eine Mietminderung oder ein Zurück- behaltungsrecht wegen Mängeln, so läuft er Gefahr, dass der Vermieter unge- achtet dessen die Kündigung erklärt und das Mietobjekt per Fernzugriff sperrt. Das gewinnt insbesondere dann an Bedeutung, wenn das Mietobjekt und dessen fortgesetzte Nutzung für den Mieter von erheblichem Interesse sind, wie dies bei- spielsweise bei der Wohnungsmiete, aber auch bei einem beruflich genutzten Fahrzeug der Fall ist. Dementsprechend ist die gesetzliche Risikoverteilung beim Mietverhältnis dadurch geprägt, dass der Vermieter aufgrund der Überlassung des Mietobjekts grundsätzlich das Risiko der nach Mietvertragsbeendigung fort- gesetzten (Ab-)Nutzung trägt. Dagegen kann er sich wiederum durch Vereinba- rung einer Mietkaution absichern. Außerdem steht ihm ein Anspruch auf Nut- zungsentschädigung nach § 546 a BGB zu. c) In der vorliegenden Fallkonstellation rechtfertigen die berechtigten Inte- ressen des Vermieters einen derart weitreichenden Eingriff in die Rechtssphäre des Mieters nicht. Die streitgegenständliche Klausel erlaubt einen Zugriff auf die Batterie und mittelbar den Zugriff auch auf das E-Fahrzeug, das für den Mieter infolge der Batteriesperrung nutzlos wird. Dadurch, dass die Batterie unstreitig herstellergebunden und mit dem E-Fahrzeug verknüpft ist, hat der Mieter keine 28 29 - 12 - zumutbare Möglichkeit, die gesperrte Batterie durch ein anderes Fabrikat zu er- setzen, um das E-Fahrzeug weiter betreiben zu können. Mit dem E-Fahrzeug wird damit neben der Batterie ein wesentlich höherwertiger Vermögensbestand- teil für ihn unbrauchbar bzw. ein Nutzungsrecht daran entwertet. Hinzu kommt, dass das längerfristig angeschaffte bzw. gesondert gemietete oder geleaste E-Fahrzeug vom Mieter nicht selten beruflich genutzt wird und regelmäßig auch für die private Lebensgestaltung von wesentlicher Bedeutung ist. Wenn unter diesen Umständen bei einem Streit über die Wirksamkeit einer von der Beklagten ausgesprochenen außerordentlichen Kündigung abweichend von der herkömmlichen Risikoverteilung die Klagelast auf den Mieter abgewälzt wird (vgl. Casper/Grimpe ZIP 2022, 661, 668 f.; Riehm in Braegelmann/Kaulartz Rechtshandbuch Smart Contracts [2019] S. 99, 108; Möslein ZHR 183 [2019], 254, 279 f.), so folgt daraus, dass dieser etwa mit Rechtsverfolgungskosten in Vorleistung treten muss, um sich die weitere Vertragserfüllung zu sichern (vgl. Wilhelm WM 2020, 1807, 1813 f.). Zudem eröffnet die vorliegende Klausel dem Mieter keine Möglichkeit, Einwendungen gegen die Kündigung und die Sperrung der Batterie vorzubringen (vgl. auch Senatsurteil vom 10. Januar 1996 - XII ZR 271/94 - NJW 1996, 988, 989 zur Möglichkeit der Rückbuchung bei einer Einziehungsermächtigung), sondern macht die Berechtigung der Beklagten, die Nutzung der Batterie zu unterbinden, allein vom vorherigen Ausspruch einer au- ßerordentlichen Kündigung und vom Ablauf der Vorwarnfrist von zwei Wochen abhängig. Dementsprechend dürften individuelle Einwendungen des Mieters ge- gen die Berechtigung von Kündigung und Batteriesperre bei der - gegebenenfalls sogar per sogenanntem Smart Contract automatisierten - Vertragsdurchführung von Seiten der Beklagten keine Berücksichtigung finden. d) Der mit der Sperrung einhergehende Ausschluss von der Nutzung der Batterie und folglich auch des E-Fahrzeugs kehrt mit der Klagelast nicht nur das 30 31 - 13 - gesetzliche Leitbild um, sondern geht mit seinen Wirkungen über das Mietobjekt wesentlich hinaus. Eine solche Gestaltung lässt sich durch das Interesse der Be- klagten an der Sicherung gegen den mit der Abnutzung der Batterie nach Ver- tragsbeendigung verbundenen Vermögensschaden nicht rechtfertigen. Das Berufungsgericht hat somit zutreffend die Unwirksamkeit der streitge- genständlichen Klausel wegen unangemessener Benachteiligung des Mieters angenommen. Dose Klinkhammer Nedden-Boeger Botur Guhling Vorinstanzen: LG Düsseldorf, Entscheidung vom 11.12.2019 - 12 O 63/19 - OLG Düsseldorf, Entscheidung vom 07.10.2021 - I-20 U 116/20 - 32