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Beschluss

30 W (pat) 510/12

Bundespatentgericht, Entscheidung vom

PatentrechtBundesgericht
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Entscheidungsgründe
BPatG 154 05.11 BUNDESPATENTGERICHT 30 W (pat) 510/12 _______________ (Aktenzeichen) An Verkündungs Statt zugestellt am … B E S C H L U S S In der Beschwerdesache … betreffend die Markenanmeldung 30 2010 047 179.4 hat der 30. Senat (Marken-Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 19. Dezember 2013 unter Mitwirkung des Vorsitzen- den Richters Prof. Dr. Hacker sowie der Richterin Winter und des Richters Jacobi - 2 - beschlossen: Die Beschwerde wird zurückgewiesen. G r ü n d e I. Zur Eintragung in das Markenregister angemeldet worden ist die Bezeichnung Angio-Plus-Therapie. Das Waren- und Dienstleistungsverzeichnis lautet nach einer Einschränkung im Beschwerdeverfahren: „Arzneimittel, pharmazeutische und veterinärmedizinische Erzeugnisse sowie biologische und chemische Erzeugnisse für die Gesundheitspflege; diäteti- sche Erzeugnisse für medizinische Zwecke, Babykost, Nahrungsergänzungs- mittel für medizinische Zwecke; Veranstaltungen von Seminaren und Fortbil- dungen im medizinisch-pharmazeutischen Bereich, Gesundheitserziehung, Betrieb von Gesundheits-Klubs und Fitness-Klubs, Gymnastikunterricht, Kur- beratung; Dienstleistungen eines Arztes und Tierarztes, Dienstleistungen ei- nes Krankenhauses, Sanatoriums und einer Klinik, Dienstleistungen von Er- holungsheimen und Genesungsheimen, Pflegedienste und Krankenpflege- dienste, Betrieb von Pflegeheimen, physiotherapeutische Behandlungen, Dienstleistungen eines Physiotherapeuten, Dienstleistungen eines Logopä- den“. Die Markenstelle für Klasse 44 des Deutschen Patent- und Markenamts hat die Anmeldung nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 und Nr. 2 MarkenG beanstandet, weil sie in der Bedeutung „Gefäßtherapie mit einem Mehr (Plus) an medizinischer Thera- pie/Leistung/Neuerung/Verbesserung“ beschreibend auf Art, Eignung, Bestim- - 3 - mung sowie die inhaltlich/thematische Ausrichtung der beanspruchten Wa- ren/Dienstleistungen hinweise. Nachdem eine Stellungnahme der Anmelderin nicht zu den Akten gelangte, hat dieselbe Markenstelle die Anmeldung mit Be- schluss vom 29. November 2011 unter Bezugnahme auf den Beanstandungsbe- scheid zurückgewiesen. Gegen diesen Beschluss richtet sich die Beschwerde der Anmelderin. Sie hat ins- besondere darauf verwiesen, dass die angemeldete Marke in ihrer Gesamtheit zu betrachten sei, und meint, dass die Trennung des Begriffs „Angiotherapie“ durch das dazwischen eingefügte Wort „Plus“ der Marke Unterscheidungskraft verleihe. Zudem ergäben Lexika auch keine Definition für den Begriff „Angiotherapie“. Die von der Markenstelle herangezogenen Fundstellen beträfen verschiedene Verfah- ren, die jeweils mit gesonderten Begriffen der Erklärung bedürften, da sie durch „Angiotherapie“ nicht ausreichend gekennzeichnet seien. Die Anmelderin hat fer- ner auf die Eintragung der Marken 1 076 299 und 1 173 994 „ANGIOPLUS“ für Waren der Klasse 10 hingewiesen. Die Anmelderin beantragt sinngemäß, den Beschluss der Markenstelle für Klasse 44 des Deutschen Pa- tent- und Markenamts vom 29. November 2011 aufzuheben. Wegen der weiteren Einzelheiten wird auf den Akteninhalt Bezug genommen. II. Die zulässige Beschwerde ist in der Sache nicht begründet; die angemeldete Marke ist wegen fehlender Unterscheidungskraft nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG von der Eintragung ausgeschlossen; die Markenstelle hat die Anmeldung deshalb zu Recht zurückgewiesen (§ 37 Abs. 1 und 5 MarkenG). - 4 - 1. Unterscheidungskraft in diesem Sinne ist die dem Zeichen innewohnende (konkrete) Eignung, vom Verkehr als Unterscheidungsmittel aufgefasst zu werden, das die von der Anmeldung erfassten Waren und Dienstleistungen als von einem bestimmten Unternehmen stammend kennzeichnet und diese somit von denjeni- gen anderer Unternehmen unterscheidet (EuGH GRUR 2008, 608, 611 Nr. 66 f. - EUROHYPO; BGH GRUR 2010, 825, 826 Nr. 13 - Marlene-Dietrich-Bildnis II; GRUR 2010, 935 Nr. 8 - Die Vision; GRUR 2006, 850, 854 Nr. 18 - FUSSBALL WM 2006). Denn die Hauptfunktion einer Marke besteht darin, die Ursprungsiden- tität der gekennzeichneten Waren und Dienstleistungen zu gewährleisten (EuGH GRUR 2006, 233, 235 Nr. 45 - Standbeutel; GRUR 2006, 229, 230 Nr. 27 - BiolD; EuGH a. a. O. - EUROHYPO; BGH GRUR 2008, 710 Nr. 12 - VISAGE; GRUR 2009, 949 Nr. 10 - My World; a. a. O. - FUSSBALL WM 2006; GRUR 2005, 417, 418 - BerlinCard). Da allein das Fehlen jeglicher Unterscheidungskraft ein Eintra- gungshindernis begründet, ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ein großzügiger Maßstab anzulegen, so dass jede auch noch so geringe Unter- scheidungskraft genügt, um das Schutzhindernis zu überwinden (BGH a. a. O. - Marlene-Dietrich-Bildnis II; GRUR 2009, 411 Nr. 8 - STREETBALL; GRUR 2009, 778, 779 Nr. 11 - Willkommen im Leben; a. a. O. - My World; a. a. O. - FUSSBALL WM 2006). Maßgeblich für die Beurteilung der Unterscheidungskraft sind einer- seits die beanspruchten Waren und Dienstleistungen, andererseits die Auffassung der beteiligten inländischen Verkehrskreise. Hierbei ist auf die Wahrnehmung des Handels sowie des normal informierten, angemessen aufmerksamen und verstän- digen Durchschnittsverbrauchers der fraglichen Waren und Dienstleistungen abzustellen (EuGH GRUR 2006, 411, 412 Nr. 24 - Matratzen Concord/Hukla; GRUR 2004, 943, 944 Nr. 24 - SAT 2; BGH a. a. O. - Die Vision; a. a. O. - Marle- ne-Dietrich-Bildnis II; a. a. O. - FUSSBALL WM 2006). Hiervon ausgehend besitzen Wortzeichen keine Unterscheidungskraft, wenn ihnen die maßgeblichen Verkehrskreise lediglich einen im Vordergrund stehenden be- schreibenden Begriffsinhalt zuordnen (EuGH GRUR 2004, 674, 678 Nr. 86 - Postkantoor; BGH GRUR 2012, 270, 271 Nr. 11 - Link Economy; GRUR 2009, - 5 - 952, 953 Nr. 10 - DeutschlandCard; a. a. O. Nr. 19 - FUSSBALL WM 2006; a. a. O. - BerlinCard; a. a. O. - marktfrisch; GRUR 2001, 1153 - antiKALK) oder wenn sie aus gebräuchlichen Wörtern der deutschen Sprache oder einer geläufi- gen Fremdsprache bestehen, die stets nur als solche und nicht als Unterschei- dungsmittel verstanden werden (vgl. u. a. BGH a. a. O. - FUSSBALL WM 2006; GRUR 2003, 1050, 1051 - Cityservice). Darüber hinaus besitzen keine Unter- scheidungskraft auch solche Zeichen, die sich auf Umstände beziehen, welche die beanspruchten Waren oder Dienstleistungen zwar nicht unmittelbar betreffen, durch die aber ein enger beschreibender Bezug zu diesen hergestellt wird (vgl. BGH GRUR 2010, 1100 Nr. 23 - TOOOR!; a. a. O. Nr. 28 f. - FUSSBALL WM 2006). 2. Nach diesen Grundsätzen fehlt dem zur Eintragung in das Markenregister angemeldeten Zeichen Angio-Plus-Therapie jegliche Unterscheidungskraft im Sinne des § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG. Die angemeldete Marke ist erkennbar gebildet aus „Angio“, „Plus“ und „Therapie“. „Angio“ ist - wie schon die Markenstelle zutreffend ausgeführt hat - ein Wortteil mit der Bedeutung „Gefäß, Blutgefäß“; „Angiologie“ ist die Lehre von den Blutgefäßen und ihren Krankheiten, die sich als Teilgebiet der Inneren Medizin mit der Entste- hung, Epidemiologie, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und Prävention von Er- krankungen der Arterien, Venen und Lymphgefäße befasst (vgl. Duden, Wörter- buch medizinischer Fachbegriffe, 8. Aufl.; S. 115, 116; Der Brockhaus, Gesund- heit, 2006, S. 68; 430; Online-Lexikon Wikipedia zum Stichwort „Angiologie“). Ei- nige Gefäßkrankheiten können lebensbedrohlich werden, wenn sie zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führen, wie im Internetauftritt der Anmelderin ausgeführt (vgl. http://news.integrative-medizin-deutschland.de/texte/maerz_2011/durchblutungs- stoerungen_eecp_3_2011.html, Anlage zum Protokoll). „Plus“ (lateinisch = mehr) weist u. a. auf „einen Vorteil, einen Vorzug, ein Positi- vum“, also ein „Mehr“ vom Üblichen hin, entweder an Inhalt, an Leistungen oder - 6 - an Neuerungen, und wird in der Rechtsprechung des Bundespatentgerichts seit Langem in diesem Sinn bewertet (vgl. z. B. BPatG 25 W (pat) 310/03 - medizin plus, veröffentlicht auf der Homepage des Gerichts; vgl. Duden, Deutsches Uni- versalwörterbuch, 7. Aufl., S. 1350). Das Wort „Therapie“ ist die gebräuchliche Bezeichnung für eine „Heilbehandlung“ (vgl. Duden, Deutsches Universalwörterbuch, a. a. O, S. 1747). Das begriffliche Verständnis der Gesamtbezeichnung Angio-Plus-Therapie im Sinn von „Gefäß-Plus-Therapie“ bereitet somit dem angesprochenen Publikum keinerlei Schwierigkeiten. Zu berücksichtigen ist dabei, dass mit den hier maßgeb- lichen Waren und Dienstleistungen allgemeine Verkehrskreise, aber auch Fach- verkehrskreise angesprochen werden, wobei es sich durchweg um Produkte bzw. Angebote aus dem Bereich Medizin und Gesundheit handelt bzw. handeln kann, die mit Bedacht erworben oder nachgefragt bzw. unter Einschaltung von Fachkrei- sen in Anspruch genommen werden. An diesem Verständnis ändert sich entgegen der Auffassung der Anmelderin auch nichts durch der Einfügung des Wortes „Plus“ in den Begriff „Angiotherapie“; die Gesamtbezeichnung wird durch diese Einfügung des Wortes „Plus“ nicht derart verfremdet, das dies dem genannten Verständnis entgegensteht. Der Verkehr wird daher mit der angemeldeten Bezeichnung Angio-Plus-Therapie allenfalls die Vorstellung verbinden, dass Waren und Dienstleistungen angeboten bzw. erbracht werden, die an Inhalt oder Leistungen gegenüber dem Üblichen zu- sätzliche Vorteile bei der Behandlung von Gefäßerkrankungen bieten. Wie die Markenstelle bereits ausgeführt hat, können die beanspruchten Waren für eine solche Vorteile bietende Gefäß-Therapie geeignet und bestimmt sein; zu be- denken ist dabei, dass gerade auch gesunde Ernährung im Zusammenhang mit Gefäßkrankheiten eine wichtige Rolle spielt (Stichwort „mediterrane Ernährung“) und diese Erkrankungen in Ländern mit gesunder Ernährung am Wenigsten auf- - 7 - treten; deshalb können auch diesbezügliche Erzeugnisse der Klasse 5 solcher- maßen geeignet und bestimmt sein. Die beanspruchten Dienstleistungen der Klasse 44 können auf eine Vorteile bietende Behandlung von Gefäßkrankheiten bezogen sein und die Dienstleistungen der Klasse 41 können inhaltlich-thematisch im Zusammenhang mit einer „Angio-Plus-Therapie“ stehen. Die Bezeichnung Angio-Plus-Therapie wird deshalb in der Wahrnehmung der angesprochenen Verkehrskreise in naheliegender und im Vordergrund stehender Weise als Sachhinweis bzw. als eine allgemeine Angabe mit beschreibendem Be- zug verstanden, nicht aber als betrieblicher Herkunftshinweis. Zwar weist die Anmelderin zutreffend auf das Verbot der analysierenden Betrach- tungsweise hin sowie darauf, dass bei der Prüfung der Schutzfähigkeit die ange- meldete Bezeichnung in ihrer Gesamtheit maßgeblich ist. Jedoch ist die Verständ- nisfähigkeit des Publikums im Hinblick auf das auch insoweit geltende Leitbild des „aufmerksamen und verständigen Durchschnittsverbrauchers“ nicht zu gering zu veranschlagen (vgl. Ströbele/Hacker, MarkenG, 10. Aufl., § 8 Rdn. 30 m. w. N.); außerdem entbindet der Grundsatz, dass es auf die Schutzfähigkeit der Marke in ihrer Gesamtheit ankommt, auch bei einer aus mehreren Bestandteilen gebildeten Marke nicht von einer Prüfung der einzelnen Markenteile (vgl. Ströbele/Hacker, a. a. O., § 8 Rdn. 146 m. w. N.). Die oben genannte Bedeutung ergibt sich dabei aus der Bezeichnung in ihrer Gesamtheit. Auch aus der Neuheit eines Zeichens bzw. aus einem fehlenden lexikalischen Nachweis kann entgegen der Auffassung der Anmelderin nichts für dessen Unterscheidungskraft hergeleitet werden (vgl. Ströbele/Hacker, a. a. O., § 8 Rdn. 107 m. w. N.). Soweit die Anmelderin darauf hinweist, dass die von der Markenstelle herangezo- genen Fundstellen zum Begriff „Angiotherapie“ verschiedenste gefäßtherapeuti- sche Verfahren beschreiben, berücksichtigt sie dabei nicht, dass die absoluten Schutzhindernisse des § 8 MarkenG ausschließlich nach den jeweils bean- spruchten konkreten Waren und Dienstleistungen zu beurteilen sind (vgl. Ströbele- - 8 - /Hacker, a. a. O., § 8 Rdn. 27 m. w. N.). Im Zusammenhang damit ist auch ange- sichts verschiedener Therapieformen bei Gefäßerkrankungen ein anderes Verständnis des hier verwendeten Oberbegriffs als oben zugrunde gelegt nicht naheliegend. Die Marke Angio-Plus-Therapie kann damit ihre Hauptfunktion, nämlich den Ver- kehrskreisen die Ursprungsidentität der mit der Marke gekennzeichneten, be- schwerdegegenständlichen Waren und Dienstleistungen zu garantieren, nicht er- füllen. Die angemeldete Marke ist in dem hier maßgeblichen Umfang nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG von der Eintragung ausgeschlossen. Es kann dahinge- stellt bleiben, ob auch das Eintragungshindernis des § 8 Abs. 2 Nr. 2 MarkenG vorliegt. 3. Ein Eingehen auf die von der Anmelderin genannten Voreintragungen ist nicht veranlasst (vgl. BGH GRUR 2012, 276, 277 Nr. 18 m. w. N. - Institut der Nord- deutschen Wirtschaft e.V.). Die Beschwerde ist daher zurückzuweisen. Hacker Winter Jacobi Cl