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Beschluss

12 A 2336/06

Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Entscheidung vom

VerwaltungsgerichtsbarkeitECLI:DE:OVGNRW:2008:0430.12A2336.06.00
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Entscheidungsgründe
Tenor Die Berufung wird zurückgewiesen. Die Klägerin trägt die Kosten des Berufungsverfahrens. Die Kostenentscheidung ist vorläufig vollstreckbar. Die Klägerin darf die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe des beizutreibenden Betrages abwenden, wenn nicht die Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in der selben Höhe leistet. Die Revision wird nicht zugelassen. Der Streitwert wird für das Berufungsverfahren auf 10.000,00 Euro festgesetzt. 1 G r ü n d e : 2 I. 3 Die am im Oblast L. (Ukraine) geborene Klägerin beantragte unter dem 12. Juni 2000 bei der Beklagten die Ausstellung eines Staatsangehörigkeitsausweises. Zur Begründung machte sie geltend: Sie leite die behauptete deutsche Staatsangehörigkeit von ihrem 1872 in H. /Ostpreußen geborenen und 1946 in Deutschland verstorbenen Großvater, B. Q. , ab. Dieser sei etwa 1897 - 1900 zusammen mit seinen Eltern und seiner Ehefrau, N. Q. , geb. T. , in die Ukraine ausgewandert und habe dort - im Oblast L. - bis 1930 gelebt. Im Zuge der Kollektivierung seien er und seine (1936 verstorbene) Ehefrau zur Zwangsarbeit nach T1. verschickt worden. Am 15. Juni 1943 sei er ausweislich der - von der Klägerin vorgelegten, sich allein auf B. Q. beziehenden - Einbürgerungsurkunde in M. eingebürgert worden. Aus der Ehe dieses Großvaters mit seiner Ehefrau sei am 23. bzw. 11. November 1908 ihr Vater T2. Q. hervorgegangen, der 1927 eine Polin, N. J. - die Mutter der Klägerin - geheiratet habe. 1930 sei ihr Vater T3. Q. zusammen mit seiner Ehefrau und der Klägerin in das E. -Gebiet verschickt worden; von diesem Zeitpunkt an bis weit in die Nachkriegszeit hinein hätten die Klägerin und ihre Eltern keinerlei Nachricht mehr über das Schicksal der Großeltern gehabt. Die Klägerin und ihre Eltern seien 1933 in den L. Oblast zurückgekehrt und hätten dort bis 1943 gelebt. Während der deutschen Besetzung hätten die Deutschen ihren Vater zum Helfer des Dorfältesten ernannt. Im Mai 1943 sei die Familie beim Rückzug der deutschen Truppen als Volksdeutsche nach Deutschland gebracht worden; dort hätten sie bis zur 1945 erfolgten Rückführung in die Sowjetunion als Landarbeiter bei einem Bauern in N1. bei C. gearbeitet. Mit anwaltlichem Schriftsatz vom 1. August 2001 trug die Klägerin weiter vor: Mit Blick auf die Umsiedlung nach Deutschland komme eine Einzeleinbürgerung in Betracht. Unabhängig hiervon habe sie die deutsche Staatsangehörigkeit durch Sammeleinbürgerung nach der Verordnung über die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit an die in die Deutsche Volksliste der Ukraine eingetragenen Personen schon deshalb erworben, weil sie als am 21. Juni 1941 im Gebiet L. ansässige deutsche Volkszugehörige die Eintragungsvoraussetzungen erfüllt habe; eines Nachweises der nicht konstitutiven Eintragung bedürfe es nicht. Unter dem 24. November 2002 gab die Klägerin ergänzend an, ihr Vater habe 1941 - 1943 als Dolmetscher in der deutschen Kommandantur im Dorf, wo sie eingebürgert worden seien, gearbeitet. 4 Mit Schreiben vom 12. Juni 2003 legte das Bundesarchiv der Beklagten im Fall der Klägerin zwei aufgefundene anfragerelevante Unterlagen vor und führte aus, dass diese keine Angaben über eine Einbürgerung der Klägerin enthielten. Bei dem einen Dokument handelt es sich um eine Karteikarte ohne Umsiedlungsnummer, auf welcher ein am 29. Oktober 1908 geborener T3. Q. und die Angehörigen des "I. " (Frau und vier Kinder) eingetragen sind, darunter eine am 5. Dezember 1930 geborene T4. (handschriftlich geändert in "T5. ") Q. . Das andere Dokument ist ein mit Schreibmaschine beschriebenes Blatt Papier, das die Überschrift "Mischehe" trägt. Auf diesem ist ein T3. Q. , der hier als Masure bezeichnet wird, nebst Frau (Polin) und vier Kindern aufgeführt, wobei als Kinder u. a. eine 1930 geborene "T5. " genannt wird. 5 Mit Bescheid vom 17. Mai 2004 lehnte die Beklagte den Antrag der Klägerin ab und führte zur Begründung aus: Ein Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Abstammung von ihrem Vater scheide für die Klägerin aus, da ihr Vater im Zeitpunkt ihrer Geburt nicht deutscher Staatsangehöriger gewesen sei. Eine Einzeleinbürgerung oder den für die Sammeleinbürgerung erforderlichen Eintrag in die Volksliste Ukraine habe die Klägerin nicht nachgewiesen. Aus der Einbürgerung ihres Großvaters könne sie keine Rechte herleiten, da nach der Einbürgerungsurkunde nur der Großvater eingebürgert worden sei. 6 Wegen des Sachverhalts im Übrigen und des gerichtlichen Verfahrens in der ersten Instanz wird auf den Tenor, den Tatbestand und die Entscheidungsgründe des die erhobene Untätigkeitsklage als unbegründet abweisenden Urteils Bezug genommen. 7 Zur Begründung ihrer gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts eingelegten Berufung macht die Klägerin erneut geltend, sie habe die deutsche Staatsangehörigkeit (jedenfalls) durch Sammeleinbürgerung erworben. 8 Die Klägerin beantragt, 9 das angefochtene Urteil zu ändern und die Beklagte unter Aufhebung ihres Bescheides vom 17. Mai 2004 zu verpflichten, ihr einen Staatsangehörigkeitsausweis zu erteilen und 10 die Zuziehung eines Bevollmächtigten im Vorverfahren für notwendig zu erklären. 11 Die Beklagte beantragt, 12 die Berufung zurückzuweisen, 13 verweist zur Begründung auf die zutreffenden Gründe des angefochtenen Urteils und hebt hervor, dass die Eintragung in die Deutsche Volksliste auch nach dem zwischenzeitlich ergangen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Juli 2006 - 5 C 3.05 - für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit konstitutiv sei, die Klägerin den entsprechend erforderlichen Nachweis aber nicht geführt habe. 14 Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge (3 Hefte) ergänzend Bezug genommen. 15 II. 16 Über die Berufung kann gemäß § 130a VwGO durch Beschluss entschieden werden, weil der Senat die Berufung einstimmig für unbegründet und die Durchführung einer mündlichen Verhandlung nicht für erforderlich hält. Die Beteiligten sind hierzu nach § 130a Satz 2 VwGO i. V. m. § 125 Abs. 2 Satz 3 VwGO mit gerichtlicher Verfügung vom 11. März 2008 angehört worden. 17 Der Senat ist einstimmig der Auffassung, dass die zulässige Berufung der Klägerin unbegründet ist. Das Verwaltungsgericht hat die Klage zu Recht als unbegründet abgewiesen, weil der ablehnende Bescheid vom 17. Mai 2004 rechtmäßig ist und die Klägerin nicht in ihren Rechten verletzt (§ 113 Abs. 5 VwGO). Denn die Klägerin hat keinen Anspruch gegen die Beklagte auf Erteilung eines Staatsangehörigkeitsausweises, weil sie nicht nachgewiesen hat, deutsche Staatsangehörige zu sein. 18 Wie das Verwaltungsgericht zutreffend ausgeführt hat, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Klägerin die deutsche Staatsangehörigkeit nach § 4 Abs. 1 des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes (RuStAG) vom 2. Juli 1913, RGBl. I S. 583, in der im Zeitpunkt ihrer (ehelichen) Geburt am 12. Dezember 1928 geltenden Fassung erworben hat. Denn es kann zu Lasten der insoweit beweispflichtigen Klägerin 19 - vgl. BVerwG, Urteil vom 27. Juli 2006 - 5 C 3.05 -, BVerwGE 126, 283 = DVBl 2007, 194 = NVwZ 2007, 224 - 20 nicht mit dem erforderlichen, vernünftige Zweifel ausschließenden Grad an Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass ihr Vater, der nach der behaupteten Auswanderung seiner Eltern ca. 1897/1902 im Jahre 1908 in Russland geboren worden war, im Zeitpunkt ihrer Geburt (noch) deutscher Staatsangehöriger gewesen ist. Sollte nämlich der Großvater väterlicherseits der Klägerin tatsächlich als deutscher Staatsangehöriger nach Russland ausgewandert sein und sollte ein Verlust dieser Staatsangehörigkeit nicht schon vor der Geburt des Vaters der Klägerin nach § 21 Abs. 1 des Gesetzes über die Erwerbung und den Verlust der Bundes- und Staatsangehörigkeit vom 1. Juni 1870 - StAG 1870 - (abgedruckt bei Lichter/Hoffmann, Staatsangehörigkeitsrecht, 3. Aufl. 1966, S. 687 ff.) wegen eines zehnjährigen ununterbrochenen Auslandsaufenthalts erfolgt sein, so wäre ein solcher Verlust jedenfalls wenige Jahre nach der Geburt des Vaters der Klägerin eingetreten und hätte sich dann auch auf den Vater der Klägerin erstreckt (§ 21 Abs. 2 Satz 1 StAG 1870). 21 Die Klägerin hat ferner auch einen Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung ihrer Person im Wege der Sammel- oder Einzeleinbürgerung nicht nachgewiesen. 22 Ein Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nach § 1 Abs. 1 Buchstabe f des Gesetzes zur Regelung von Fragen der Staatsangehörigkeit (StAngRegG) vom 22. Juli 1955, BGBl. I S. 65, i. V. m. der Verordnung über die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit an die in die Deutsche Volksliste der Ukraine eingetragenen Personen vom 19. Mai 1943, RGBl. I S. 321, durch die Klägerin (zusammen mit ihren Eltern) kommt nicht in Betracht. Ein derartiger Erwerb setzt außer der deutschen Volkszugehörigkeit und der Ansässigkeit am 21. Juni 1941 im Gebiet des Reichskommissariats Ukraine voraus, dass eine Eintragung in die Deutsche Volksliste tatsächlich erfolgt war. 23 Vgl. BVerwG, Urteil vom 27. Juli 2006 - 5 C 3.05 -, a. a. O. 24 Eine solche - mithin konstitutive - Eintragung der Klägerin in diese Liste ist indes bislang nicht nachgewiesen. Das bloße Vorbringen der Klägerin in ihrem Schreiben vom 24. November 2002, ihr Vater habe von 1941 bis 1943 als Dolmetscher im Dorf gearbeitet, "wo wir eingebürgert wurden", vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. 25 Es kann auch nicht angenommen werden, die Klägerin habe die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einzeleinbürgerung erworben. Aus der ihren Großvater väterlicherseits betreffenden Einbürgerungsurkunde ergibt sich schon deshalb nichts anderes, weil dessen Einbürgerung sich ausweislich der Urkunde nicht auf Familienangehörige erstreckt hat. Der Umstand der Einbürgerung dieses Großvaters ist aber auch nicht einmal ein geeignetes Indiz für eine (gleichzeitig erfolgte) Einzeleinbürgerung der Klägerin, weil diese und ihre Eltern bereits 1930 dauerhaft von dem Großvater getrennt worden waren und ihn auch während der Kriegsjahre nicht mehr wiedergesehen, also ein eigenes, von seinem Schicksal verschiedenes Schicksal erlitten haben. Ferner kann auch der Verbringung der Klägerin und ihrer Eltern "als Volksdeutsche" in das Deutsche Reich im Jahre 1943 und ihrer dortigen Heranziehung als Landarbeiter bis zur Rückführung in die Sowjetunion im Jahre 1945 kein Hinweis auf eine erfolgte Einzeleinbürgerung entnommen werden. Ob schließlich die Klägerin mit der am 5. Dezember 1930 geborenen T4. /T5. Q. identisch ist, welche in den von dem Bundesarchiv ermittelten Unterlagen u. a. aufgeführt wird, mag offen bleiben, da diesen Unterlagen jedenfalls keine Anhaltspunkte für eine erfolgte Einbürgerung entnommen werden können. 26 Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Eine Entscheidung über den Antrag, die Zuziehung eines Bevollmächtigten im Vorverfahren für notwendig zu erklären, bedurfte es nicht, weil es bereits an einer Kostengrundentscheidung zugunsten der Klägerin fehlt. Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit ergibt sich aus § 167 VwGO i. V. m. §§ 708 Nr. 10, 711 ZPO. 27 Die Revision ist nicht zuzulassen, weil die Voraussetzungen des § 132 Abs. 2 VwGO nicht vorliegen. 28 Die Streitwertfestsetzung beruht auf §§ 52 Abs. 1, 47 Abs. 1 GKG. 29