Entscheidung
VIa ZR 647/22
Bundesgerichtshof, Entscheidung vom
ZivilrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2024:300124UVIAZR647
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2024:300124UVIAZR647.22.0 BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL VIa ZR 647/22 Verkündet am: 30. Januar 2024 Bachmann Justizfachangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle in dem Rechtsstreit - 2 - Der VIa. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 30. Januar 2024 durch die Richterin am Bundesgerichtshof Dr. C. Fischer als Vorsitzende, die Richterin Möhring, die Richter Dr. Götz, Dr. Rensen und die Richterin Dr. Vogt-Beheim für Recht erkannt: Auf die Revision des Klägers wird der Beschluss des 12. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main mit Sitz in Darmstadt vom 1. April 2022 im Kostenpunkt und insoweit aufgehoben, als im Verhältnis zur Beklagten zu 1 zum Nachteil des Klägers entschie- den worden ist. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Von Rechts wegen Tatbestand: Der Kläger nimmt die Beklagte zu 1 (künftig: Beklagte) wegen der Verwen- dung unzulässiger Abschalteinrichtungen in einem Kraftfahrzeug auf Schadens- ersatz in Anspruch. Der Kläger kaufte am 1. Juni 2015 von einem Dritten einen von der Be- klagten hergestellten gebrauchten Audi Q5 3.0 V6 TDI, der mit einem ebenfalls 1 2 - 3 - von der Beklagten hergestellten Dieselmotor vom Typ EA 896 (Schadstoffklasse Euro 5) ausgerüstet ist. Der Kläger hat von der Beklagten und ihrer Konzernmutter (Beklagte zu 2) die Erstattung des Kaufpreises abzüglich einer Nutzungsentschädigung nebst Prozesszinsen Zug um Zug gegen Übergabe des Fahrzeugs begehrt. Das Land- gericht hat die Klage abgewiesen, das Berufungsgericht die Berufung des Klä- gers zurückgewiesen. Mit seiner vom Senat allein im Verhältnis zur Beklagten zugelassenen Revision verfolgt der Kläger insoweit seinen Berufungsantrag wei- ter. Entscheidungsgründe: Die Revision hat Erfolg. I. Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen wie folgt begründet: Der Kläger könne seinen Schadensersatzanspruch gegen die Beklagte nicht aus § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV herleiten. Einem solchen Anspruch stehe bereits die Tatsache entgegen, dass die Regelungen der § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV kein Schutzgesetz im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB darstellten. Aber auch ein Anspruch aus §§ 826, 31 BGB stehe dem Kläger auf Grundlage seines Vorbringens nicht zu. Der Kläger habe für seine Behauptung, auch das in seinem Fahrzeug verbaute Aggregat enthalte 3 4 5 6 - 4 - vergleichbar dem Motortyp EA 189 eine unzulässige Abschaltlogik, keine greif- baren Anhaltspunkte aufgezeigt, so dass seine Vermutung als Behauptung "ins Blaue hinein" zu bewerten und einer Beweisaufnahme nicht zugänglich sei. Eine sittenwidrige Schädigung des Klägers folge auch nicht aus seinem Vortrag zum sogenannten Thermofenster, dessen Vorliegen hier zugunsten des Klägers als wahr unterstellt werden könne. Selbst wenn man unterstelle, dass eine der- artige temperaturbeeinflusste Steuerung der Abgasrückführung als unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne von Art. 5 Abs. 2 Satz 1 Verordnung (EG) Nr. 715/2007 zu qualifizieren sei, wäre der darin liegende Gesetzesverstoß auch unter Berücksichtigung einer damit einhergehenden Gewinnerzielungsabsicht der Beklagten für sich genommen nicht geeignet, den Einsatz dieser Steuerungs- software durch die für die Beklagte handelnden Personen als besonders verwerf- lich erscheinen zu lassen. Hierfür bedürfe es vielmehr weiterer Umstände, wel- che der Kläger nicht substantiiert dargelegt habe. II. Diese Erwägungen halten der Überprüfung im Revisionsverfahren nicht in allen Punkten stand. 1. Allerdings begegnet es keinen revisionsrechtlichen Bedenken, dass das Berufungsgericht eine Haftung der Beklagten aus §§ 826, 31 BGB verneint hat. a) Das Berufungsgericht durfte den Vortrag des Klägers zu einer im Fahr- zeug des Klägers enthaltenen "Umschaltlogik" vergleichbar dem den sog. Die- selskandal auslösenden Motortyp EA 189 als prozessual unbeachtlich behandeln (vgl. BGH, Beschluss vom 8. November 2023 - VII ZR 629/21, juris Rn. 11 f. mwN). Es hat greifbare Anhaltspunkte für eine solche vom Kläger behauptete 7 8 9 - 5 - Funktionsweise, welche eine sittenwidrige Schädigung begründen könnte (vgl. BGH, Urteil vom 11. September 2023 - VIa ZR 149/23, juris Rn. 10), nicht fest- zustellen vermocht. Hieran ist der Senat gemäß § 559 Abs. 2 ZPO gebunden. Die von der Revision erhobenen Verfahrensrügen hat der Senat geprüft und nicht für durchgreifend erachtet. Von einer Begründung wird gemäß § 564 Satz 1 ZPO abgesehen. b) Ebenso rechtsfehlerfrei und in Übereinstimmung mit der Rechtspre- chung des Bundesgerichtshofs hat das Berufungsgericht ausgeführt, dass durch die hier revisionsrechtlich zugunsten des Klägers zu unterstellende Implementie- rung einer temperaturabhängigen Steuerung des Emissionskontrollsystems ("Thermofenster") alleine, selbst wenn diese als unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne von Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung 715/2007/EG zu qualifizieren sein sollte, noch keine sittenwidrige Schädigung begründet werde (vgl. BGH, Ur- teil vom 20. Juli 2023 - III ZR 267/20, WM 2023, 1839 Rn. 12 mwN). Gegen diese zutreffende Würdigung erhebt die Revision keine Einwände. 2. Doch kann mit der vom Berufungsgericht gegebenen Begründung ein Schadensersatzanspruch aus § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV nicht verneint werden. Wie der Senat nach Erlass des Zu- rückweisungsbeschlusses entschieden hat, sind die Bestimmungen der § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV Schutzgesetze im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB, die das Interesse des Fahrzeugkäufers gegenüber dem Fahrzeughersteller wahren, nicht durch den Kaufvertragsabschluss eine Vermögenseinbuße im Sinne der Differenzhypothese zu erleiden, weil das Fahrzeug entgegen der Übereinstim- mungsbescheinigung eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne des Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 aufweist (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 29 bis 32). 10 11 - 6 - Das Berufungsgericht hat daher zwar zu Recht einen Anspruch des Klä- gers auf die Gewährung sogenannten "großen Schadensersatzes" verneint (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 22 bis 27). Es hat jedoch unberücksichtigt gelassen, dass dem Kläger nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV ein Anspruch auf Ersatz eines erlittenen Differenzschadens zustehen kann (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, aaO, Rn. 28 bis 32; ebenso BGH, Urteile vom 20. Juli 2023 - III ZR 267/20, WM 2023, 1839 Rn. 21 ff.; - III ZR 303/20, juris Rn. 16 f.; Urteil vom 12. Oktober 2023 - VII ZR 412/21, juris Rn. 20). Demzufolge hat das Berufungsgericht - von seinem Rechtsstandpunkt aus folgerichtig - weder dem Kläger Gelegenheit zur Darlegung eines solchen Schadens gegeben, noch hat es Feststellungen zu ei- ner deliktischen Haftung der Beklagten wegen des zumindest fahrlässigen Ein- baus einer unzulässigen Abschalteinrichtung in Form des Thermofensters getrof- fen. III. Die angefochtene Entscheidung ist daher in dem aus dem Tenor ersichtli- chen Umfang aufzuheben, weil sie sich insoweit auch nicht aus anderen Gründen als richtig darstellt (§ 561 ZPO). Auf der Grundlage der Feststellungen des Beru- fungsgerichts kann eine deliktische Haftung der Beklagten wegen jedenfalls fahr- lässiger Verwendung einer unzulässigen Abschalteinrichtung nicht ausgeschlos- sen werden. Der Senat kann daher nicht in der Sache selbst entscheiden, son- dern verweist die Sache im Umfang der Aufhebung des Zurückweisungsbe- schlusses zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurück (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO). 12 13 - 7 - Im wiedereröffneten Berufungsverfahren wird der Kläger Gelegenheit ha- ben, einen möglichen Differenzschaden darzulegen. Das Berufungsgericht wird sodann nach den näheren Maßgaben des Urteils des Senats vom 26. Juni 2023 (VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245) die erforderlichen Feststellungen zu den Vo- raussetzungen und gegebenenfalls zum Umfang einer Haftung der Beklagten nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV zu treffen zu haben. Fischer Möhring Götz Rensen Vogt-Beheim Vorinstanzen: LG Darmstadt, Entscheidung vom 10.06.2021 - 29 O 382/20 - OLG Frankfurt in Darmstadt, Entscheidung vom 01.04.2022 - 12 U 135/21 - 14