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Leitsatz

IX ZA 16/17

Bundesgerichtshof, Entscheidung vom

ZivilrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2018:071118BIXZA16
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2018:071118BIXZA16.17.0 Berichtigt durch Schreibfehlerberichtigung vom 10.1.2019 Preuß, Justizangestellte als Urkundsbeamterin der Geschäftsstelle BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS IX ZA 16/17 vom 7. November 2018 in dem Rechtsstreit Nachschlagewerk: ja BGHZ: nein BGHR: ja ZPO § 42 Abs. 2 Die frühere Mitwirkung des abgelehnten Richters an einer juristischen Festschrift kann in einem Rechtsstreit, in dem der Geehrte als Beklagter wegen Pflichtver- letzung in Anspruch genommen wird, die Besorgnis der Befangenheit begründen. BGH, Beschluss vom 7. November 2018 - IX ZA 16/17 - OLG München LG München I - 2 - Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 7. November 2018 durch die Rich- ter Dr. Günter, Dr. Nedden-Boeger, Dr. Botur und Guhling und die Richterin Dr. Krüger beschlossen: Die Ablehnungsgesuche der Kläger gegen den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Kayser und die Richter Prof. Dr. Gehrlein und Prof. Dr. Pape werden für begründet erklärt. Die Ablehnungsgesuche der Kläger gegen die Richterinnen und Richter Grupp, Lohmann, Möhring, Dr. Schoppmeyer und Meyberg werden für unbegründet erklärt. Gründe: Nach § 42 Abs. 2 ZPO findet die Ablehnung eines Richters wegen der Be- sorgnis der Befangenheit statt, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Misstrauen gegen seine Unparteilichkeit zu rechtfertigen. Dies ist dann der Fall, wenn der Ableh- nende bei verständiger Würdigung des Sachverhalts Grund zu der Annahme hat, dass der abgelehnte Richter eine Haltung einnimmt, die seine Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit störend beeinflussen kann. Maßgeblich ist, ob aus der Sicht der ablehnenden Partei bei vernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass gegeben ist, an der Unvoreingenommenheit und objektiven Einstellung des Richters zu zwei- feln (st. Rspr.; vgl. nur BGH Beschluss vom 2. November 2016 - AnwZ (Brfg) 61/15 - NJW-RR 2017, 187 Rn. 4 mwN). Nach diesen Maßstäben liegt ein Ablehnungsgrund in Bezug auf den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Kayser und die Richter Prof. Dr. Pape und Prof. Dr. Gehrlein vor, nicht aber in Bezug auf die weiteren abgelehnten Richterinnen und Richter. 1 2 - 3 - 1. Die Kläger meinen zu Recht, eine Besorgnis der Befangenheit des Vorsit- zenden Richters Prof. Dr. Kayser ergebe sich daraus, dass dieser als Mitverfasser eines Geleitworts zu einer Festschrift anlässlich des 70. Geburtstags des Beklagten dessen Person und Lebenswerk in heraushebender Weise gewürdigt hat. In dem Geleitwort bezeichnet der abgelehnte Richter den Beklagten als einen Mann, "der sich wie kein zweiter in vielfältiger Weise um das Insolvenzrecht und die angrenzen- den Rechtsgebiete verdient gemacht" habe; der "zu der seltenen Spezies Insolvenz- verwalter gehört, die unternehmerisches Denken mit scharfsinniger juristischer Ana- lyse verbinden können", der "unternehmerisch mit dem bestmöglichen Bemühen um die Sanierung als die ökonomisch vorzugswürdige Lösung" vorgehe, "mit seinen Publikationen seine Qualifikation als Vordenker für die Praxis" beweise und "den Acker «Insolvenz und Sanierung» in sehr unterschiedlichen, einander aber immer wieder befruchtenden Funktionen bestellt und daraus reiche Ernte hervorgebracht" habe. Die damit verlautbarte Hochachtung nicht nur von Person und Lebenswerk des Beklagten, sondern auch seiner besonderen insolvenzrechtlichen Treffsicherheit und seiner Vorbildfunktion für Insolvenzverwalter, kann bei vernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass geben, in einem Rechtsstreit, in dem der Beklagte wegen an- geblicher Pflichtverletzung bei der Ausübung seines Amtes als Insolvenzverwalter auf Schadensersatz in Anspruch genommen wird, an der Unvoreingenommenheit des Richters zu zweifeln. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die persönliche Ver- wendung zu Ehren des Beklagten tatsächlich Ausdruck einer besonderen Nähebe- ziehung ist oder ob die Laudatio etwa nur geschäftsmäßig verfasst oder gar lediglich mitunterzeichnet wurde. Denn maßgeblich ist die Sicht der ablehnenden Partei, die bei vernünftiger Würdigung der äußeren Umstände Zweifel daran haben darf, dass das mit dem Geleitwort zum Ausdruck Gebrachte hinter seinem objektiven Wortsinn zurückbleibt. 2. Ebenso begründet sind die Ablehnungsgesuche gegen die Richter Prof. Dr. Pape und Prof. Dr. Gehrlein, welche jeweils einen umfangreichen Fachbei- trag zu der Festschrift geleistet haben. Gegenstand dieser Beiträge war zwar zuvor- derst eine Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs über ein insolvenzrechtliches Thema; allerdings war der äußere Anlass hierfür durch die mit der Festschrift vorzu- 3 4 5 - 4 - nehmende Ehrung des Beklagten gesetzt. Auch wenn die Fachbeiträge der Richter Prof. Dr. Pape und Prof. Dr. Gehrlein für sich genommen keine persönliche Würdi- gung des Beklagten enthalten, der Aufsatz von Prof. Dr. Gehrlein sogar eine unab- hängige Zweitverwertung in NZI 2015, 577 gefunden hat, darf die ablehnende Partei bei vernünftiger Würdigung der äußeren Umstände davon ausgehen, dass sich die Autoren mit ihrer Teilnahme an der Festschrift in den Dienst einer Sache gestellt ha- ben, die auf eine Ehrung des Jubilars unter Hervorhebung außergewöhnlicher Ver- dienste ausgerichtet war. Diese Sichtweise wird auch durch das Geleitwort vermittelt, an dessen Ende versichert wird, dass gemeinsames Anliegen der Herausgeber und Autoren die Würdigung von Person und Lebenswerk des Beklagten sei. Aus Sicht der ablehnenden Partei kann dies Anlass geben, an der Unvoreingenommenheit der Richter bei der hier vorzunehmenden Beurteilung einer möglichen Pflichtwidrigkeit des Beklagten bei der Ausübung seines Amtes als Insolvenzverwalter zu zweifeln. 3. Hingegen ergibt sich keine Besorgnis der Befangenheit des Richters Dr. Schoppmeyer daraus, dass er als einer von insgesamt zwanzig Autoren an einem vom Beklagten mitherausgegebenen Kommentar zur Insolvenzordnung mitwirkt. Die dadurch vermittelte Verbindung vermag bei vernünftiger Würdigung aller Umstände keinen Anlass zu geben, an der Unvoreingenommenheit und objektiven Einstellung zu zweifeln. Allgemeine berufliche Kontakte des Richters zu einer Partei ohne be- sondere Nähe oder Intensität genügen dafür nicht (BGH Beschluss vom 10. Juni 2013 - AnwZ (Brfg) 24/12 - NJW-RR 2013, 1211 Rn. 8). Grundsätzlich sind nur nahe persönliche (oder geschäftliche) Beziehungen zwischen dem Richter und einem Ver- fahrensbeteiligten geeignet, die Unparteilichkeit eines Richters in Frage zu stellen. Deshalb kann selbst ein Kollegialitätsverhältnis, das in der Regel mit häufigeren per- sönlichen Begegnungen als eine bloße Mitautorenschaft verbunden ist, nur dann ei- ne Ablehnung rechtfertigen, wenn damit eine sehr enge berufliche Zusammenarbeit verbunden ist. Für eine derartige enge berufliche Zusammenarbeit sind keine An- haltspunkte ersichtlich. Eine Mitautorenschaft als solche begründet weder enge be- rufliche noch nahe persönliche Kontakte zwischen den Mitautoren und - herausgebern (vgl. BGH Beschluss vom 31. Januar 2005 - II ZR 304/03 - BGHReport 2005, 1350). Aus der Sicht einer ruhig und vernünftig denkenden Partei besteht da- her kein Anlass, deswegen an der Unvoreingenommenheit des Richters zu zweifeln. 6 - 5 - Aus vorgenannten Gründen ergibt sich ein Ablehnungsgrund gegen die Rich- terinnen und Richter Grupp, Lohmann, Möhring, Dr. Schoppmeyer und Meyberg nicht aus deren Autoren-, Herausgeber- oder Vortragstätigkeit für den (vom Beklagten ge- gründeten) RWS Verlag. 7 - 6 - 4. Ebenso wenig sind die Richter Grupp, Dr. Schoppmeyer und Meyberg auf- grund ihrer Mitwirkung am früheren Verfahren IX ZR 260/15, an dem die Kläger nicht beteiligt waren, aus Sicht der verständigen Partei darin beeinträchtigt, dem Sachver- halt des hier vorliegenden Rechtsstreits unbefangen gegenüberzutreten. Günter Nedden-Boeger Botur Guhling Krüger Vorinstanzen: LG München I, Entscheidung vom 20.05.2017 - 30 O 13615/13 - OLG München, Entscheidung vom 07.04.2017 - 5 U 2875/16 - 8 - 7 - IX ZA 16/17 Schreibfehlerberichtigung In den Beschlüssen vom 7. November 2018 und 5. Dezember 2018 sind die Vorinstanzdaten wie folgt zu korrigieren: Es muss richtig heißen: Vorinstanzen: LG München I, Entscheidung vom 20.05.2016 - 30 O 13615/13 - OLG München, Entscheidung vom 07.04.2017 – 5 U 2875/16 - anstatt: Vorinstanzen: LG München I, Entscheidung vom 20.05.2017 – 30 O 13615/13 - OLG München, Entscheidung vom 07.04.2017 – 5 U 2875/16 -. Karlsruhe, den 10. Januar 2019 Bundegerichtshof Geschäftsstelle des IX. Zivilsenats Preuß, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle