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Leitsatz

X ZR 39/23

Bundesgerichtshof, Entscheidung vom

ZivilrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2024:170924UXZR39
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2024:170924UXZR39.23.0 BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL X ZR 39/23 Verkündet am: 17. September 2024 Anderer Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle in dem Rechtsstreit Nachschlagewerk: ja BGHZ: ja BGHR: ja JNEU: ja SEAG § 41 Abs. 5; AktG § 112; BGB § 242 Ca; Verordnung (EG) Nr. 2157/2001 Art. 43 Abs. 1 und 4 a) In einer monistisch verfassten europäischen Gesellschaft steht dem Verwal- tungsrat nach § 41 Abs. 5 SEAG die alleinige Vertretungsbefugnis auch in Be- zug auf Rechtsgeschäfte mit geschäftsführenden Direktoren zu, durch die die Gesellschaft lediglich einen rechtlichen Vorteil im Sinne von § 107 BGB er- langt. b) Ist eine Willenserklärung gegenüber der Gesellschaft abzugeben, genügt in den Fällen des § 41 Abs. 5 SEAG die Abgabe gegenüber einem Mitglied des Verwaltungsrats. c) Einem geschäftsführenden Direktor, der entgegen § 41 Abs. 5 SEAG im Na- men der Gesellschaft einen Vertrag mit sich selbst geschlossen hat, ist es nach den Grundsätzen von Treu und Glauben nicht ohne weiteres versagt, sich zum Nachteil der Gesellschaft auf diese Vorschrift zu berufen. BGH, Urteil vom 17. September 2024 - X ZR 39/23 - KG Berlin LG Berlin - 2 - Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 4. Juni 2024 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Bacher, die Richter Hoffmann und Dr. Deichfuß, die Richterin Dr. Kober-Dehm und den Richter Dr. Rensen für Recht erkannt: Auf die Revision werden das Urteil des 14. Zivilsenats des Kam- mergerichts vom 3. März 2023 aufgehoben und das Urteil der 2. Zi- vilkammer des Landgerichts Berlin vom 20. Dezember 2021 abge- ändert. Die Klage wird abgewiesen. Die Kosten des Rechtsstreits hat die Klägerin zu tragen. Von Rechts wegen - 3 - Tatbestand: Die Parteien streiten über die Wirksamkeit eines Schenkungsvertrags. Der frühere Beklagte (nachfolgend: Erblasser), der im September 2020 im Alter von 99 Jahren verstorben ist, war Unternehmer, Kunstsammler und Mäzen. Im Jahr 2014 gründete er die Klägerin, eine europäische Gesellschaft (SE), deren satzungsgemäßer Zweck in der gemeinnützigen Förderung von Kunst und Kultur besteht. Der Erblasser war ursprünglich alleiniger Aktionär der Klägerin. Zudem war er geschäftsführender Direktor mit dem Recht zur Alleinvertretung und zum Abschluss von Rechtsgeschäften mit sich selbst oder als Vertreter Dritter. Seit einer Kapitalerhöhung im Dezember 2014 hielt seine damalige Lebensgefährtin 90 % der Aktien. Diese war und ist zudem Mitglied des Verwaltungsrats. Am 1. Juli 2015 übertrug der Erblasser seine restlichen Aktien gegen Zah- lung von 120.000 Euro an seine Lebensgefährtin. Diese wurde als weitere ge- schäftsführende Direktorin bestellt. Mittlerweile ist sie alleinige geschäftsfüh- rende Direktorin. Ebenfalls am 1. Juli 2015 schloss der Erblasser im eigenen Namen und im Namen der Klägerin einen notariell beurkundeten "Schenkungsvertrag auf den Todesfall" (nachfolgend: "der Vertrag"). Darin schenkte er der Klägerin vier Kunstwerke von Cy Twombly, Hans Hofmann, Pablo Picasso und Sandro Chia. Die Schenkung war auf den Todesfall des Erblassers zu erfüllen. Mit drei Schreiben vom 17. September 2019, 16. Dezember 2019 und 20. März 2020 erklärte der Erblasser die Loslösung von dem Vertrag aus allen in Betracht kommenden Rechtsgründen. Er stützte dies auf den Vorwurf, die ge- schäftsführende Direktorin (nachfolgend: Direktorin) habe zahlreiche geschäftli- che Transaktionen zu seinem Nachteil durchgeführt, eine Beziehung zu einem anderen Mann unterhalten und einen Gesamtplan zur Selbstbereicherung ver- 1 2 3 4 5 6 - 4 - folgt, und erklärte deshalb die Anfechtung des Vertrags wegen arglistiger Täu- schung, den Widerruf wegen groben Undanks sowie den Rücktritt wegen Weg- falls der Geschäftsgrundlage. Die Klägerin, vertreten durch die geschäftsführende Direktorin, hat die Feststellung begehrt, dass der Vertrag wirksam ist. Der Erblasser und nach des- sen Tod der jetzige Beklagte als dessen Alleinerbe sind diesem Begehren entge- gengetreten. Das Landgericht hat die beantragte Feststellung ausgesprochen. Die da- gegen gerichtete Berufung des Beklagten ist ohne Erfolg geblieben. Mit seiner vom Berufungsgericht zugelassenen Revision begehrt der Be- klagte weiterhin die Abweisung der Klage. Der Verwaltungsrat der Klägerin hat die Prozessführung durch die ge- schäftsführende Direktorin genehmigt. 7 8 9 10 - 5 - Entscheidungsgründe: Die zulässige Revision hat Erfolg und führt zur Abweisung der Klage. I. Die Revision ist gemäß § 543 Abs. 1 Nr. 1 ZPO uneingeschränkt statthaft. Das Berufungsgericht hat die Revision ohne Beschränkung zugelassen. 1. Das Berufungsgericht hat die Zulassung im Tenor seines Urteils ohne Einschränkungen ausgesprochen. 2. Den Urteilsgründen ist eine Beschränkung der Revisionszulassung nicht mit der erforderlichen Klarheit zu entnehmen. a) Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kann sich eine Beschränkung der Revisionszulassung auch aus den Gründen des Be- rufungsurteils ergeben, sofern sie darin klar und eindeutig zum Ausdruck kommt. Das ist regelmäßig dann anzunehmen, wenn sich die vom Berufungsge- richt als zulassungsrelevant angesehene Frage nur für einen eindeutig abgrenz- baren selbständigen Teil des Streitstoffs stellt, der Gegenstand eines Teilurteils oder eines eingeschränkt eingelegten Rechtsmittels sein kann. Hingegen genügt die bloße Angabe des Grundes für die Zulassung der Revision nicht, um von einer Zulassungsbeschränkung auszugehen (vgl. nur BGH, Urteil vom 16. Sep- tember 2021 - VII ZR 192/20, NJW 2022, 321 Rn. 16). b) Im Streitfall ist die Zulassung der Revision danach nicht beschränkt. Das Berufungsgericht hat die Zulassung der Revision damit begründet, die Frage, ob § 41 Abs. 5 SEAG bei für die Gesellschaft lediglich rechtlich vorteilhaf- ten Rechtsgeschäften anwendbar ist, sei entscheidungserheblich. Diese Frage habe grundsätzliche Bedeutung und erfordere im Interesse der Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Revisionsgerichts. Damit ist lediglich der Grund für die Zulassung der Revision angegeben, nicht aber ein eindeutig abgrenzbarer Teil des Streitgegenstands benannt, auf 11 12 13 14 15 16 17 18 19 - 6 - den sich die Relevanz der als klärungsbedürftig angesehenen Rechtsfrage be- schränkt. Gegenstand des vorliegenden Rechtsstreits ist die Wirksamkeit des im Jahr 2015 geschlossenen Schenkungsvertrags. Hierfür bildet die Frage, ob die Klägerin beim Abschluss des Vertrags wirksam vertreten war, lediglich eine recht- liche Vorfrage, nicht aber einen abgrenzbaren Teil des Streitgegenstands. II. Die Klage ist zulässig. Die von Amts wegen zu berücksichtigende Prozessvoraussetzung einer ordnungsgemäßen Vertretung ist im Rechtsstreit jedenfalls nach der Genehmi- gung der Prozessführung durch den Verwaltungsrat der Klägerin gegeben. Angesichts dieser Erklärung kann offenbleiben, ob die Prozessvertretung im Streitfall gemäß § 41 Abs. 1 SEAG der geschäftsführenden Direktorin oder gemäß § 41 Abs. 5 SEAG dem Verwaltungsrat obliegt. Mit der Genehmigung steht fest, dass beide als Vertreter in Frage kommende Organe mit der Prozess- führung einverstanden sind. III. Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen wie folgt begründet: Der Vertrag sei wirksam abgeschlossen worden. Einem wirksamen Ver- tragsschluss stehe nicht entgegen, dass der Erblasser den Vertrag auch im Na- men der Klägerin geschlossen habe. § 41 Abs. 5 SEAG, der die Vertretungszu- ständigkeit gegenüber geschäftsführenden Direktoren dem Verwaltungsrat zu- weist, sei entsprechend den zu § 181 Fall 2 BGB entwickelten Grundsätzen nicht anzuwenden, weil es sich für die Klägerin um ein lediglich rechtlich vorteilhaftes Rechtsgeschäft im Sinne von § 107 BGB handle. Die Anfechtung wegen arglistiger Täuschung sei nicht wirksam. Insofern könne dahinstehen, ob die Direktorin am 1. Juli 2015 noch eine feste Beziehung zu einem Dritten unterhalten habe. Hinsichtlich des behaupteten Gesamtplans bleibe bereits unklar, worin eine Täuschung liegen solle. Jedenfalls im Jahr 2015 20 21 22 23 24 25 26 - 7 - sei die Direktorin lediglich Begünstigte der vom Erblasser beauftragten Maßnah- men gewesen, habe diese aber nicht aktiv gesteuert. Der Vertrag sei auch nicht wegen groben Undanks wirksam widerrufen worden. § 530 BGB komme allerdings auch bei Schenkungen an juristische Per- sonen zur Anwendung. Hierbei sei der beschenkten juristischen Person das Ver- halten ihrer Organe zuzurechnen. Für die Zurechnung bedürfe es jedoch eines sachlichen Zusammenhangs zwischen dem schädigenden Verhalten und dem Aufgabenkreis des Organs. Dieser Zusammenhang fehle im Streitfall, soweit der Widerruf auf Maßnahmen gestützt werde, an denen die Direktorin nicht als Ver- treterin der Klägerin beteiligt gewesen sei. Die behauptete Beziehung zu einem anderen Mann stehe ebenfalls nicht in Zusammenhang mit der Tätigkeit für die Klägerin. Die Mitwirkung an der Übertragung und Auflösung von zwei Wertpapier- depots sei nicht geeignet, eine auf den Erblasser gerichtete schwere Verfehlung zu begründen. Die Depots hätten nicht zum Vermögen des Erblassers gehört, sondern zu demjenigen einer Kommanditgesellschaft, an der er mehrheitlich be- teiligt war. Mit der Auflösung der Depots habe die Direktorin zwar den Erwartun- gen der Kommanditgesellschaft und der Satzung der Klägerin zuwidergehandelt. Mit Bezug auf den Erblasser sei darin aber nur ein Reflex zu sehen. Die Verwendung eines Betrags von einer Million Euro aus dem Vermögen der Komplementär-GmbH der genannten Kommanditgesellschaft für eine Kapi- talerhöhung der Klägerin sei keine schwere Verfehlung. Zur Zeichnung der neuen Aktien sei allein der Erblasser zugelassen gewesen. Mit der Zahlung seien folg- lich nur Vermögenswerte des Erblassers von einer Gesellschaft in eine andere verlagert worden. Eine rechtlich nicht wirksam gewordene Übertragung von Aktien einer pol- nischen Gesellschaft von der genannten GmbH auf die Klägerin und der im Na- men der GmbH ausgesprochene Verzicht auf den vereinbarten Kaufpreis stellten ebenfalls keine grobe Verfehlung dar. Die Transaktion habe dem Konzept des 27 28 29 30 - 8 - Erblassers entsprochen, seinen in Polen befindlichen Nachlass der Direktorin zu überlassen. Der Erblasser sei vom Vertrag nicht wirksam gemäß § 313 Abs. 3 Satz 1 BGB zurückgetreten. Das Rechtsinstitut des Wegfalls der Geschäftsgrundlage sei im Streitfall nicht anwendbar, weil § 530 BGB hinsichtlich der Folgen eines vorwerfbaren Fehlverhaltens eine abschließende Regelung treffe. IV. Diese Beurteilung hält der rechtlichen Überprüfung in einem ent- scheidenden Punkt nicht stand. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts war die Klägerin beim Abschluss des Vertrags nicht wirksam vertreten. 1. Eine nach dem monistischen System verfasste europäische Gesell- schaft wird gemäß § 41 Abs. 1 SEAG grundsätzlich durch ihre geschäftsführen- den Direktoren vertreten. Die Vertretung gegenüber den geschäftsführenden Di- rektoren steht nach § 41 Abs. 5 SEAG jedoch dem Verwaltungsrat zu. Im Streitfall war der Erblasser bei Abschluss des Vertrags geschäftsfüh- render Direktor der Klägerin. Folglich war grundsätzlich allein der Verwaltungsrat der Klägerin berufen, diesen Vertrag in deren Namen zu schließen. 2. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts steht dem Verwal- tungsrat nach § 41 Abs. 5 SEAG die alleinige Vertretungsbefugnis auch in Bezug auf Rechtsgeschäfte mit geschäftsführenden Direktoren zu, durch die die Gesell- schaft lediglich einen rechtlichen Vorteil im Sinne von § 107 BGB erlangt. a) Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs greift das in § 181 BGB normierte Verbot von Insichgeschäften nicht für Geschäfte, durch die der Vertretene lediglich einen rechtlichen Vorteil im Sinne von § 107 BGB erlangt. Grund für diese Ausnahme ist der Umstand, dass es unter den genannten Voraussetzungen des mit § 181 BGB bezweckten Schutzes des Vertretenen 31 32 33 34 35 36 37 38 - 9 - nicht bedarf und dass der Kreis der Rechtsgeschäfte, die diese Voraussetzungen erfüllen, meist unschwer zu bestimmen ist (BGH, Urteil vom 27. September 1972 - IV ZR 225/69, BGHZ 59, 236 = NJW 1972, 2262, juris Rn. 11 f.; Urteil vom 7. September 2017 - IX ZR 224/16, NJW 2017, 3516 Rn. 17). b) Diese Erwägungen können auf § 41 Abs. 5 SEAG nicht übertragen werden. Der Schutzzweck dieser Vorschrift reicht weiter als derjenige von § 181 BGB. aa) § 41 Abs. 5 SEAG ist § 112 AktG nachgebildet (BT- Drucks. 15/3405 S. 39), der für Aktiengesellschaften und für dualistisch verfasste europäische Gesellschaften (Art. 9 Abs. 1 Buchst. c Nr. ii der Verordnung (EG) Nr. 2157/2001) eine im Wesentlichen gleichlautende Vertretungsregelung ent- hält. bb) Der Bundesgerichtshof hat bislang weder zu § 112 AktG noch zu § 41 Abs. 5 SEAG entschieden, ob die alleinige Vertretungsmacht des Aufsichts- rats bzw. Verwaltungsrats auch für rechtlich vorteilhafte Geschäfte im Sinne von § 107 Abs. 1 BGB gilt. cc) Eine im Schrifttum vertretene Ansicht will diese Frage verneinen, weil in solchen Fällen keine Interessenkollision bestehe und solche Konstellatio- nen mit den Fällen eines Insichgeschäftes im Sinne von § 181 BGB vergleichbar seien (Theusinger/Guntermann, AG 2017, 798, 801 f., 803; BeckOGK AktG/ Spindler/Veil, Stand: 1.12.2024, § 112 Rn. 9). dd) Der überwiegende Teil des Schrifttums vertritt hingegen - zum Teil ohne ausdrückliche Erwähnung von § 107 oder § 181 BGB - die Auffassung, § 112 AktG und § 41 Abs. 5 SEAG erfassten jedes ein- oder mehrseitige Rechts- geschäft. Nach dieser Auffassung kommt es nicht darauf an, ob im Einzelfall Inte- ressen der Gesellschaft gefährdet erscheinen (Koch, AktG, 18. Aufl., § 112 39 40 41 42 43 44 45 - 10 - Rn. 11; MünchKomm-AktG/Habersack, 6. Aufl., § 112 Rn. 20; Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, 6. Aufl., § 112 AktG Rn. 6; Wachter/Schick, AktG, 4. Aufl., § 112 Rn. 4; Großkomm-AktG/Hopt/Roth, 5. Aufl., § 112 Rn. 17; Groß-Bölting/ Rabe in Hölters/Weber, AktG, 4. Aufl., § 112 Rn. 17; Grigoleit/Tomasic, AktG, 2. Aufl., § 112 Rn. 9; Heidel/Breuer/Fraune, AktG, 5. Aufl., § 112 Rn. 7; Bürgers/ Körber/Lieder/Fischer, AktG, § 112 Rn. 2). ee) Die zuletzt genannte Ansicht trifft zu. (1) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs dient § 112 AktG dem Ziel, Interessenkollisionen vorzubeugen und eine unbefangene sach- gerechte Vertretung der Gesellschaft sicherzustellen. Die Erfüllung dieses Anliegens wäre wegen möglicher Interessenkollisio- nen oder Rücksichtnahmen nicht ausreichend gewährleistet, wenn die Gesell- schaft bei Vertragsschlüssen oder gerichtlichen Auseinandersetzungen mit ge- genwärtigen oder ehemaligen Vorstandsmitgliedern durch ihren amtierenden Vorstand und damit durch deren Kollegen oder Nachfolger im Amt vertreten würde. Dabei kann es im Interesse der Rechtssicherheit und Rechtsklarheit nicht darauf ankommen, ob diese Besorgnis in concreto tatsächlich berechtigt ist, was im Einzelfall auch nur schwer feststellbar wäre. Es reicht vielmehr aus, dass auf- grund der gebotenen und typisierenden Betrachtung in derartigen Fällen regel- mäßig die abstrakte Gefahr einer nicht unbefangenen Vertretung der Gesell- schaft vorhanden ist (BGH, Urteil vom 26. Juni 1995 - II ZR 122/94, BGHZ 130, 108, juris Rn. 8; Urteil vom 23. September 1996 - II ZR 126/95, NJW 1997, 318, juris Rn. 8; Urteil vom 28. April 1997 - II ZR 282/95, NJW 1997, 2324, juris Rn. 7; Urteil vom 16. Oktober 2006 - II ZR 7/05, NJW-RR 2007, 98 Rn. 5; Urteil vom 16. Februar 2009 - II ZR 282/07, NJW-RR 2009, 690 Rn. 7). (2) Diese Zielsetzung geht über den mit § 181 BGB angestrebten Schutz des Vertretenen hinaus. § 181 BGB schränkt die Befugnisse einer an sich zur Vertretung berech- tigten Person ein. Schon nach dem Wortlaut der Vorschrift sind bestimmte Arten 46 47 48 49 50 - 11 - von Rechtsgeschäften von dem Verbot ausgenommen, nämlich die Erfüllung von Verbindlichkeiten. Darüber hinaus hat der Vertretene die Möglichkeit, den Vertre- ter von den Beschränkungen des § 181 BGB insgesamt zu befreien. § 112 AktG und § 41 Abs. 5 SEAG enthalten demgegenüber eine eigen- ständige Vertretungsregelung, die die Vertretungsmacht für bestimmte Rechts- geschäfte ausschließlich dem Aufsichtsrat bzw. Verwaltungsrat zuweist. Der Kreis dieser Rechtsgeschäfte ist nicht durch ihren Inhalt definiert, sondern allein durch die daran beteiligten Personen. Eine Befreiung von diesen Beschränkun- gen ist im Gesetz nicht vorgesehen. Sie widerspräche auch dessen Systematik, weil der Vorstand bzw. die geschäftsführenden Direktoren insoweit ohnehin nicht zur Vertretung berechtigt sind. § 112 AktG und § 41 Abs. 5 SEAG sehen darüber hinaus auch bezüglich des Personenkreises ein höheres Maß an Abstraktion vor. Anders als nach § 181 BGB sind nicht nur diejenigen Vorstandsmitglieder von der Vertretung der Ge- sellschaft ausgeschlossen, die an dem Rechtsgeschäft im eigenen Namen oder im Namen eines Dritten beteiligt sind, sondern der Vorstand insgesamt. Auch bei der Anwendung von § 107 und § 181 BGB ist allerdings eine abstrahierende Betrachtung geboten. Vom Vertretungsgebot ausgenommen ist nur eine bestimmte Gruppe von Geschäften, die aufgrund ihres Inhalts keine Ge- fahr für den Vertretenen begründen. Unerheblich ist demgegenüber, ob der Ver- treter die Belange des Vertretenen im Einzelfall gehörig gewahrt hat (BGH, Urteil vom 27. September 1972 - IV ZR 225/69, BGHZ 59, 236 = NJW 1972, 2262, juris Rn. 12). 51 52 53 - 12 - Dieser Ansatz lässt jedoch die Möglichkeit offen, dass ein Geschäft zwar den in § 107 BGB normierten Ausnahmetatbestand erfüllt, die Interessen des Vertretenen im Einzelfall aber dennoch gefährdet oder beeinträchtigt. Dies ist mit dem Regelungskonzept von § 181 BGB vereinbar, weil ohnehin bestimmte Arten von Rechtsgeschäften von dem dort normierten Verbot ausgenommen sind. Mit der allein an die beteiligten Personen anknüpfenden und auch insoweit weiterrei- chenden Regelung in § 112 AktG und § 41 Abs. 5 SEAG stünde eine solche nach Geschäftsgruppen differenzierende Betrachtung hingegen nicht in Einklang. 3. Danach kann offenbleiben, ob die Klägerin im Streitfall durch den Vertrag lediglich einen rechtlichen Vorteil erlangt hat. Der Erblasser war auch dann nicht zur Vertretung der Klägerin befugt, wenn der Vertrag diese Voraussetzung erfüllt. 4. Der Streitfall erfordert keine Entscheidung der Frage, ob eine tele- ologische Reduktion des § 41 Abs. 5 SEAG für Geschäfte geboten ist, die von der Gesellschaft ohne Ansehung der Person abgeschlossen werden, wie dies ein Teil der Literatur zu § 112 AktG befürwortet (Schmidt/Lutter/Drygala, AktG, Kom- mentar, 5. Aufl., § 112 Rn. 6; Koch, AktG, § 112 Rn. 12). Der im Streitfall zu beurteilende Vertrag fällt nicht in diese Kategorie. V. Die angefochtene Entscheidung stellt sich nicht aus anderen Grün- den als richtig dar (§ 561 ZPO). 1. Der zu beurteilende Vertrag ist nicht durch Genehmigung gemäß § 177 BGB wirksam geworden. a) Der Senat kann diese Frage abschließend beurteilen. Das Berufungsgericht hat zwar - von seinem Rechtsstandpunkt aus folge- richtig - zu einer möglichen Genehmigung des Vertrags keine Feststellungen ge- troffen. Die Beurteilung dieser Frage ist aber auf der Grundlage des zweitinstanz- lichen Vorbringens der Parteien möglich. Die mündliche Verhandlung vor dem 54 55 56 57 58 59 60 61 62 - 13 - Senat hat ergeben, dass es weiterer tatrichterlicher Feststellungen hierzu nicht bedarf. Deshalb kann der Senat die erforderliche rechtliche Beurteilung auf der Grundlage des festgestellten sowie des unstreitigen Sachverhalts selbst treffen (vgl. BGH, Urteil vom 14. Mai 2014 - VIII ZR 266/13, BGHZ 201, 252 = NJW 2014, 3156 Rn. 25; Urteil vom 15. April 2015 - VII ZR 80/14, NJW 2015, 1669 Rn. 23). b) Der Bundesgerichtshof hat die Frage, ob ein mangels ordnungsge- mäßer Vertretung durch den Aufsichtsrat gemäß § 112 AktG unwirksamer Ver- trag nach Maßgabe von §§ 177 ff. BGB genehmigt werden kann, bislang offen- gelassen (vgl. zuletzt BGH, Beschluss vom 17. Januar 2023 - II ZB 6/22, BGHZ 236, 54 = NJW 2023, 1350 Rn. 43). Diese Frage bedarf auch im Streitfall keiner Entscheidung. Es fehlt jeden- falls an einer wirksamen und rechtzeitigen Genehmigung seitens der Klägerin. c) Entgegen der Auffassung der Revisionserwiderung kann eine kon- kludente Genehmigung nicht darin gesehen werden, dass der vorliegende Rechtsstreit mit Wissen und Wollen des Verwaltungsrats geführt worden ist. Dabei kann zugunsten der Klägerin unterstellt werden, dass alle Mitglieder des Verwaltungsrats von Beginn an über den Rechtsstreit informiert waren und keine Einwände erhoben haben. Auch ein solches Verhalten lässt nicht mit der erforderlichen Deutlichkeit erkennen, dass der Verwaltungsrat in seiner Funktion als gesetzlicher Vertreter gemäß § 41 Abs. 5 SEAG den Vertragsschluss billigen wollte. Darüber hinaus fehlt es an einem für die Willensbildung erforderlichen Be- schluss des Verwaltungsrats (zu diesem Erfordernis BGH, Urteil vom 6. April 1964 - II ZR 75/62, BGHZ 41, 282 = NJW 1964, 1367, juris Rn. 16; für die Akti- engesellschaft nunmehr § 108 Abs. 1 AktG). Ein solcher Beschluss kann nicht konkludent gefasst werden (BGH, Urteil vom 21. Juni 2010 - II ZR 24/09, NJW-RR 2010, 1339 Rn. 14). 63 64 65 66 67 - 14 - d) Der Beschluss des Verwaltungsrats vom 10. Januar 2022 vermag dem Vertrag ebenfalls nicht zur Wirksamkeit zu verhelfen. aa) In dem Beschluss haben die drei Personen, aus denen der Verwal- tungsrat der Klägerin ausweislich der beim Registergericht eingereichten Liste besteht, den Vertragsschluss allerdings ausdrücklich genehmigt. bb) Die Genehmigung konnte jedoch bei ihrer Beschlussfassung keine Wirksamkeit mehr erlangen. Der Beklagte hatte den Vertrag bereits vor dem 10. Januar 2022 gemäß § 178 BGB widerrufen. (1) Eine Erklärung, mit der der Vertragsgegner zum Ausdruck bringt, nicht mehr an den Vertrag gebunden zu sein, stellt nur dann einen Widerruf im Sinne von § 178 BGB dar, wenn erkennbar ist, dass der Erklärende das rechts- geschäftliche Handeln des Vertreters wegen fehlender Vertretungsmacht nicht mehr als rechtlich wirksam behandeln und den Vertrag aus diesem Grund als nicht abgeschlossen betrachten will (BGH, Urteil vom 22. Juni 1965 - V ZR 55/64, MDR 1965, 818, juris Rn. 49; Urteil vom 19. Januar 1973 - V ZR 115/70, WM 1973, 460, juris Rn. 24; Urteil vom 8. Mai 2006 - II ZR 123/05, NJW-RR 2006, 1182 Rn. 22; BAG, Urteil vom 31. Januar 1996 - 2 AZR 91/95, NJW 1996, 2594, juris Rn. 21). (2) Entgegen der Auffassung der Revision genügt die vom Erblasser im Jahr 2019 erklärte Loslösung vom Vertrag diesen Anforderungen nicht. In diesen Erklärungen hat der Erblasser seine Auffassung, nicht mehr an den Vertrag gebunden zu sein, zwar auf eine Vielzahl von Gründen gestützt. Den Umstand, dass die Klägerin beim Abschluss des Vertrags nicht ordnungsgemäß vertreten war, hat er aber weder ausdrücklich noch konkludent angeführt. 68 69 70 71 72 73 - 15 - Vor diesem Hintergrund reicht die Erklärung, sich "aus allen in Betracht kommenden Rechtsgründen" lösen zu wollen, für einen Widerruf im Sinne von § 178 BGB nicht aus. Dieser Formulierung mag zu entnehmen sein, dass der Erblasser seine Abstandnahme vom Vertrag auch auf Gründe stützen will, die er in seinen Schreiben nicht aufgeführt hat. Daraus könnte aber allenfalls dann ge- schlossen werden, dass er den Vertrag auch wegen fehlender Vertretungsmacht nicht gelten lassen will, wenn die Möglichkeit eines diesbezüglichen Fehlers zwi- schen den Parteien bereits damals im Raum gestanden hätte. Hierfür ergeben sich keine Anhaltspunkte aus dem Parteivorbringen. (3) Eine wirksame Widerrufserklärung ist indessen in dem Schriftsatz vom 8. Dezember 2021 enthalten, welchen der Beklagte in einem parallel geführ- ten Rechtsstreit eingereicht hat, in dem er die geschäftsführende Direktorin der hiesigen Klägerin persönlich auf Herausgabe der Bilder in Anspruch nimmt. (a) Die in diesem Schriftsatz enthaltene Erklärung, der Vertrag vom 1. Juli 2015 kranke an einem Vertretungsmangel und sei unwirksam, lässt hinrei- chend deutlich erkennen, dass der Beklagte - der nach Eintritt des Erbfalls unab- hängig von einer Vollmacht als Erbe zum Widerruf nach § 178 BGB berechtigt war - den Vertrag wegen des Vertretungsmangels nicht gelten lassen will. (b) Diese Erklärung, die der geschäftsführenden Direktorin der Kläge- rin am 9. Dezember 2021 zugestellt wurde, ist zugleich gegenüber der Klägerin abgegeben worden. Der parallel geführte Rechtsstreit richtete sich zwar gegen die Direktorin persönlich. Die Widerrufserklärung ist aber nicht nur dieser gegenüber abgege- ben worden, sondern auch gegenüber der Klägerin. Eine empfangsbedürftige Willenserklärung ist gemäß § 133 und § 157 BGB so auszulegen, wie sie der Erklärungsempfänger nach Treu und Glauben unter Berücksichtigung der Verkehrssitte verstehen musste. Der Erklärungsemp- fänger ist verpflichtet, unter Berücksichtigung aller ihm erkennbaren Umstände zu prüfen, was der Erklärende gemeint hat. Entscheidend ist dabei der durch 74 75 76 77 78 79 - 16 - normative Auslegung zu ermittelnde objektive Erklärungswert des Verhaltens des Erklärenden (BGH, Urteil vom 10. Dezember 2014 - VIII ZR 25/14, NJW 2015, 473 Rn. 24). Im Streitfall betraf die Erklärung die Wirksamkeit eines Vertrags zwischen den Parteien, auf den sich auch die Direktorin im parallel geführten Rechtsstreit berufen hat. Einwendungen gegen die Wirksamkeit dieses Vertrags betrafen nicht allein die Direktorin persönlich, sondern auch und in erster Linie die hiesige Klägerin. Vor diesem Hintergrund musste die Direktorin die Erklärung so verste- hen, dass der hiesige Beklagte den Vertrag auch gegenüber der hiesigen Kläge- rin wegen des Vertretungsmangels nicht mehr gelten lassen will. Nur eine Erklä- rung gegenüber der Klägerin konnte - die Genehmigungsfähigkeit unterstellt - den schwebend unwirksamen Vertrag endgültig zu Fall bringen. (c) Mit der Zustellung der Erklärung an die Direktorin am 9. Dezember 2021 ist der Widerruf wirksam geworden. Für den Zugang einer an eine juristische Person gerichteten Willenserklä- rung ist nicht erforderlich, dass die Erklärung das zur Vertretung berechtigte Or- gan innerhalb des Geschäftsbetriebs erreicht. Allein entscheidend ist, dass der Empfänger Vertretungsmacht hat (vgl. BGH, Beschluss vom 31. Juli 2003 - III ZR 353/02, NJW 2003, 3270, juris Rn. 6). Diese Voraussetzung ist im Streitfall erfüllt. Dabei kann offenbleiben, ob die Erklärung gegenüber der geschäftsfüh- renden Direktorin oder gegenüber dem Verwaltungsrat der Klägerin abzugeben war. Die Widerrufserklärung ist auch im zuletzt genannten Fall wirksam zugegan- gen, weil die Direktorin zugleich Mitglied des Verwaltungsrats ist. 80 81 82 83 84 - 17 - Anders als für die geschäftsführenden Direktoren (§ 41 Abs. 2 Satz 2 SEAG) sieht § 41 Abs. 5 SEAG zwar nicht ausdrücklich vor, dass für Willenser- klärungen, die gegenüber der Gesellschaft abzugeben sind, die Abgabe gegen- über einem einzelnen Mitglied des Verwaltungsrats ausreicht. Diese Rechtsfolge ergibt sich aber aus einer entsprechenden Anwendung von § 112 Satz 2 AktG. Wie bereits oben dargelegt wurde, ist § 41 Abs. 5 SEAG dem § 112 AktG nachgebildet. Beim Inkrafttreten von § 41 Abs. 5 SEAG am 29. Dezember 2004 gab es die ausdrückliche Regelung in § 112 Satz 2 AktG noch nicht. Sie ist erst am 1. November 2008 in Kraft getreten und hat nach der Einschätzung des Ge- setzgebers klarstellenden Charakter (BT-Drucks. 16/6140 S. 52). Vor diesem Hintergrund kann aus dem Umstand, dass der Gesetzgeber nur § 112 AktG ergänzt hat, ohne § 41 Abs. 5 SEAG in gleicher Weise anzupas- sen, nicht geschlossen werden, dass der dem Gesetz schon zuvor zugrunde lie- gende Grundsatz, eine Abgabe von Erklärungen gegenüber einem Mitglied des Aufsichtsgremiums ausreichen zu lassen, fortan nur noch für die Aktiengesell- schaft und die dualistisch verfasste europäische Gesellschaft gelten soll. (4) Entgegen der Auffassung der Revision war der Beklagte an einem Widerruf nicht nach § 178 Satz 1 Halbsatz 2 BGB gehindert. (a) Nach § 178 Satz 1 Halbsatz 2 BGB ist ein Widerruf ausgeschlos- sen, wenn der andere Teil den Mangel der Vertretungsmacht bei dem Abschluss des Vertrags gekannt hat. Bloßes Kennenmüssen reicht nicht aus. Dem anderen Teil ist ein Widerruf nur dann verwehrt, wenn er das Risiko einer fehlenden Ge- nehmigung bewusst in Kauf genommen hat (Staudinger/Schilken, BGB, Be- arb. 2019, § 178 Rn. 4). Für eine Kenntnis im Sinne von § 178 Satz 1 Halbsatz 2 BGB reicht es entgegen der Ansicht der Revision nicht aus, dass der andere Teil die Tatsachen kennt, aus denen sich der Mangel der Vertretungsmacht ergibt (BeckOGK-BGB/ Ulrici, Stand: 01.11.2023, § 178 Rn. 34.1). Vielmehr muss der andere Teil hier- aus die Schlussfolgerung gezogen haben, dass der Vertreter, mit dem er den 85 86 87 88 89 90 - 18 - Vertrag schließt, nicht zur Vertretung befugt ist oder dass zumindest ernstliche Zweifel an der Vertretungsmacht bestehen. Aus der von der Klägerin angeführten Entscheidung des Bundesgerichts- hofs (Urteil vom 10. Februar 1988 - IVb ZR 111/86, juris Rn. 26 ff.) ergibt sich nichts Anderes. In dem dort zu beurteilenden Fall war dem Schenker nach den maßgeblichen tatrichterlichen Feststellungen bei Vertragsschluss bewusst, dass der Beschenkte - sein Sohn - mitwirken muss. Daraus ergab sich zugleich die Kenntnis fehlender Vertretungsmacht, weil nur beide Eltern gemeinsam zur Ver- tretung ihres Sohnes berechtigt waren. (b) Im Streitfall war der Erblasser hingegen zur Alleinvertretung berech- tigt. Anhaltspunkte dafür, dass er bei Vertragsschluss Kenntnis davon hatte, dass die Vertretungsmacht für den Abschluss dieses Vertrags gemäß § 41 Abs. 5 SEAG beim Verwaltungsrat liegt, ergeben sich aus dem Parteivorbringen nicht. Diesbezügliche Schlussfolgerungen liegen zudem schon deshalb fern, weil die- ser Streitpunkt erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen über andere Un- wirksamkeitsgründe zu Tage getreten ist. 2. Entgegen der Auffassung der Klägerin ist der Beklagte durch den Grundsatz von Treu und Glauben (§ 242 BGB) nicht daran gehindert, sich auf die fehlende Vertretungsmacht zu berufen. a) Der Einwand, dass ein Vertrag schwebend unwirksam oder nichtig ist, steht grundsätzlich beiden Vertragsparteien zu. Die Berufung auf diesen Umstand kann in besonders gelagerten Ausnah- mefällen allerdings eine unzulässige Rechtsausübung darstellen. Dies gilt auch für das Berufen auf das Fehlen der Vertretungsmacht (BGH, Urteil vom 20. Juli 2012 - V ZR 217/11, NJW 2012, 3424 Rn. 15 f.). Nicht jedes rechtswidrige Ver- halten führt jedoch zur Unzulässigkeit der Ausübung einer hierdurch erlangten Rechtsstellung. Lässt sich ein zielgerichtetes treuwidriges Verhalten des Rechts- ausübenden nicht feststellen, muss vielmehr durch eine umfassende Abwägung 91 92 93 94 95 - 19 - der maßgeblichen Umstände des Einzelfalls entschieden werden, ob und inwie- weit ihm die Durchsetzung seiner Rechtsposition nach Treu und Glauben ver- wehrt sein soll (BGH, Urteil vom 28. Oktober 2009 - IV ZR 140/08, NJW 2010, 289 Rn. 21; BGH, Urteil vom 20. Juli 2012 - V ZR 217/11, NJW 2012, 3424 Rn. 17). Für die Frage, ob ein an sich nichtiger oder unwirksamer Vertrag nach dem Grundsatz von Treu und Glauben (§ 242 BGB) gleichwohl als wirksam zu behan- deln ist, ist von Bedeutung, ob der Vertrag bereits vollständig oder zumindest im Wesentlichen erfüllt worden ist (BGH, Urteil vom 23. September 1982 - VII ZR 183/80, BGHZ 85, 39 = NJW 1983, 109, juris Rn. 40). Darüber hinaus kommt dem Schutzzweck des verletzten Gesetzes ausschlaggebende Bedeu- tung zu (BGH, Urteil vom 20. Juli 2012 - V ZR 217/11, NJW 2012, 3424 Rn. 18). b) Im Streitfall ist es dem Beklagten danach nicht verwehrt, sich auf den Vertretungsmangel zu berufen. Die im Vertrag statuierte Pflicht zur Übereignung der Kunstwerke nach dem Tod des Erblassers ist noch nicht erfüllt. Die Vertragsparteien haben - wenn auch zunächst aus anderen Gründen - vielmehr schon vor dem Erbfall über die Wirksamkeit des Vertrags gestritten. Der Erblasser hat in seinen Loslösungser- klärungen zudem zum Ausdruck gebracht, dass er sich gegebenenfalls auch auf andere Gründe berufen will, aus denen sich die Unwirksamkeit des Vertrags ergibt. Vor diesem Hintergrund kann dem Beklagten nicht verwehrt werden, sich auf den nunmehr geltend gemachten Rechtsmangel zu berufen. c) Aus dem Schutzzweck von § 41 Abs. 5 SEAG ergibt sich keine ab- weichende Schlussfolgerung. 96 97 98 99 - 20 - Wie bereits oben dargelegt wurde, dient § 41 Abs. 5 SEAG allerdings in erster Linie dem Schutz der Gesellschaft vor Interessenkonflikten. Dieser Schutz- zweck gebietet es nicht ohne weiteres, dass sich ein geschäftsführender Direktor, der entgegen § 41 Abs. 5 SEAG für die Gesellschaft tätig geworden ist und damit einen potentiellen Interessenkonflikt ausgelöst hat, zum Nachteil der Gesellschaft auf diese Vorschrift berufen darf. Wie ebenfalls bereits ausgeführt wurde, dient § 41 Abs. 5 SEAG darüber hinaus jedoch auch den Interessen der Rechtssicherheit und Rechtsklarheit. Un- ter diesem Aspekt muss es grundsätzlich auch einem nicht zur Vertretung be- rechtigten geschäftsführenden Direktor möglich sein, sich auf die Rechtsfolgen eines Verstoßes zu berufen. d) Schließlich war das Recht des Beklagten zum Widerruf des Ver- trags vom 1. Juli 2015 entgegen der Ansicht der Klägerin auch nicht verwirkt. aa) Eine Verwirkung kommt nach allgemeinen Grundsätzen nur in Be- tracht, wenn der Berechtigte ein Recht längere Zeit nicht geltend macht, obwohl er dazu in der Lage wäre, und der Verpflichtete sich mit Rücksicht auf das ge- samte Verhalten des Berechtigten darauf einrichten durfte und eingerichtet hat, dass dieser sein Recht auch in Zukunft nicht geltend machen werde. Nach ge- festigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs müssen zum reinen Zeitablauf besondere, auf dem Verhalten des Berechtigten beruhende Umstände hinzutre- ten, die das Vertrauen des Verpflichteten rechtfertigen, der Berechtigte werde seinen Anspruch nicht mehr geltend machen. Der Vertrauenstatbestand kann nicht durch bloßen Zeitablauf geschaffen werden (BGH, Urteil vom 19. Dezember 2018 - XII ZR 5/18, BGHZ 220, 323 = NJW 2019, 1062 Rn. 28). bb) Im Streitfall kann offenbleiben, ob das Zeitmoment erfüllt ist. Jeden- falls ergeben sich aus dem Parteivorbringen keine Anhaltspunkte dafür, dass der Erblasser oder der Beklagte einen Vertrauenstatbestand gesetzt hat, aus dem die Klägerin hätte schließen können, ein auf § 178 BGB gestützter Widerruf werde nicht mehr erfolgen. 100 101 102 103 104 - 21 - VI. Die Sache ist zur Endentscheidung reif (§ 563 Abs. 3 ZPO). Die Klage ist unbegründet, weil der Vertrag mangels ordnungsgemäßer Vertretung der Klägerin unwirksam und eine Genehmigung jedenfalls gemäß § 178 BGB ausgeschlossen ist. VII. Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 Abs. 1 ZPO. Bacher Hoffmann Deichfuß Kober-Dehm Rensen Vorinstanzen: LG Berlin, Entscheidung vom 20.12.2021 - 2 O 171/20 - KG Berlin, Entscheidung vom 03.03.2023 - 14 U 16/22 - 105 106 107