Beschluss
16 B 627/14
Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Entscheidung vom
VerwaltungsgerichtsbarkeitECLI:DE:OVGNRW:2014:0911.16B627.14.00
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Entscheidungsgründe
Tenor Die Beschwerde des Antragstellers gegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts Münster vom 19. Mai 2014 wird zurückgewiesen. Der Antragsteller trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens. Der Streitwert wird auch für das Beschwerdeverfahren auf 2.500 Euro festgesetzt. 1 Gründe 2 Die Beschwerde hat keinen Erfolg. Die gemäß § 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO auf die dargelegten Gründe beschränkte Überprüfung durch den Senat führt zu keinem für den Antragsteller günstigeren Ergebnis. 3 Die Beschwerde legt insbesondere nicht zur Überzeugung des Senats dar, dass der Antragsgegner und ihm folgend das Verwaltungsgericht zu Unrecht von einem (zumindest) gelegentlichen Cannabiskonsum des Antragstellers ausgegangen sind. Anders als von ihm in der Beschwerdebegründung dargestellt, lag der beim Antragsteller am frühen Morgen des 9. Januar 2014 festgestellte Wert von THC‑COOH (THC-Carbonsäure), der als nicht psychoaktiver, aber relativ langlebiger Metabolit ein tauglicher Indikator für das Langzeit‑Konsumverhalten ist, nicht bei 1,9, sondern bei 100 ng/ml; daraus kann ein zumindest gelegentlicher Cannabiskonsum gefolgert werden. In der Senatsrechtsprechung ist anerkannt, dass oberhalb dieses Wertes gesichert von einem gelegentlichen Konsum ausgegangen werden kann. 4 Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 14. Oktober 2010 ‑ 16 E 410/10 ‑, juris, Rn. 2 f., und vom 22. Juli 2011 ‑ 16 B 99/11 ‑, juris, Rn. 4 f. jeweils m. w. N. 5 Die zugrundeliegenden fachwissenschaftlichen Erkenntnisse beziehen sich zudem auf die Situation unmittelbar nach einer inhalativen Cannabisaufnahme, 6 vgl. insoweit grundlegend Bay. VGH, Beschluss vom 27. März 2006 ‑ 11 CS 05.1559 ‑, juris, Rn. 23, 25 und 27, 7 wohingegen in der vom Antragsteller behaupteten Konstellation eines schon länger zurückliegenden Konsums, an der er sich festhalten lassen muss, zumindest keine Bedenken bestehen, schon bei Erreichen einer THC‑COOH‑Konzentration von genau 100 ng/ml einen Gelegenheitskonsum zugrundezulegen. 8 Auf die weiteren vom Antragsteller angeführten Umstände, mit denen er der Annahme mangelnden Trennungsvermögens i. S. v. Nr. 9.2.2 der Anlage 4 der Fahrerlaubnis‑Verordnung entgegentritt, kommt es nicht an. Angesichts des objektiv festgestellten THC‑Einflusses, der um mehr als das Achtfache über dem vom Senat angewandten Grenzwert von 1,0 ng/ml liegt, kann weder der äußerliche Eindruck, den der Antragsteller während der polizeilichen Kontrolle und der anschließenden ärztlichen Untersuchung hinterließ, noch sein subjektives Befinden am Vorfallstag zu einer abweichenden Einschätzung führen. 9 Schließlich sind weder die angefochtene Ordnungsverfügung des Antragsgegners vom 19. März 2014 oder die darin angeordnete sofortige Vollziehbarkeit der Fahrerlaubnisentziehung noch die Interessenabwägung des Verwaltungsgerichts ‑ etwa mit Blick auf den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz ‑ Bedenken ausgesetzt, weil dem Antragsteller nicht Gelegenheit zum Nachweis einer nunmehr eingehaltenen Rauschmittelabstinenz gegeben worden ist. Aus demselben Grund sieht auch der Senat keinen Anlass, den Beteiligten einen Vergleichsvorschlag zu machen, der im günstigsten Fall schon in sehr naher Zukunft zu einer Aussetzung der sofortigen Vollziehbarkeit der Ordnungsverfügung des Antragsgegners führen könnte. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass der aufgrund der Erkenntnisse vom 9. Januar 2014 unzweifelhafte Wegfall der Fahreignung des Antragstellers wegen der fahrerlaubnisrechtlich nicht hinnehmbaren Verknüpfung des Cannabiskonsums und des Führens von Kraftfahrzeugen zum Anlass genommen werden durfte ‑ und musste ‑, die Fahrerlaubnis zu entziehen, und dass in derartigen Fällen in aller Regel zumindest so lange auch der Sofortvollzug angeordnet bzw. aufrechterhalten werden kann, wie noch Zweifel an der Wiedererlangung der Fahreignung bestehen; derartige Zweifel sind im Regelfall erst dann nicht mehr gegeben, wenn der Betroffene nach einer längeren nachgewiesenen Abstinenz auch noch eine positive Verhaltensprognose in Gestalt eines medizinisch-psychologischen Gutachtens vorweist. Der Senat pflegt nach Maßgabe aller Besonderheiten des Einzelfalls nur dann ‑ wie in dem vom Antragsteller geschilderten Beispiel ‑ Vergleichsvorschläge zu unterbreiten, wenn schon im Zeitpunkt der beschwerdegerichtlichen Befassung viel dafür spricht, dass die Drogenproblematik bzw. die nicht hinnehmbare Verknüpfung zwischen Konsum und Fahrzeugbenutzung nahezu überwunden ist. So wies der vom Antragsteller angeführte Fall im Verfahren 16 B 1332/13 die Besonderheit auf, dass zwischen der anlassgebenden Autofahrt unter Cannabiseinfluss und dem Erlass der Entziehungsverfügung rund zehn Monate lagen und der betreffende Antragsteller bereits unmittelbar nach der Rauschfahrt aus eigenem Antrieb Nachweise seiner nunmehrigen Drogenfreiheit beigebracht hatte. Im vorliegenden Fall sind die vom Antragsteller vorgelegten Ergebnisse von Drogenscreenings ermutigend, aber der von ihnen erfasste Zeitraum ist zu gering, als dass der Senat angesichts der beträchtlichen Gefahren für höchstrangige Rechtsgüter anderer Verkehrsteilnehmer eine alsbaldige neuerliche Teilnahme des Antragstellers am motorisierten Straßenverkehr ‑ noch vor dem abschließenden Nachweis der wiedererlangten Fahreignung durch eine erfolgreiche medizinisch-psychologische Untersuchung ‑ mitverantworten kann. Außerdem wirkt sich unter dem Blickwinkel einer offenen und selbstkritischen Bestandsaufnahme als einem Element der wiedererlangten charakterlichen Fahreignung zusätzlich zu Lasten des Antragstellers aus, dass seine Einlassung, er habe zuletzt am Wochenende vor dem Vorfallstag des 9. Januar 2014, einem Donnerstag, Cannabis konsumiert, durchgreifenden Zweifeln ausgesetzt ist, weil nach einem derart langen Zeitraum ein THC‑Wert von beachtlichen 8,3 ng/ml im Serum nicht mehr festgestellt werden kann. 10 Vgl. zu den Nachweiszeiten etwa Sachs/Pragst, Blutalkohol 41 (2004), Supplement 1, 31 (32), und Schubert/Schneider/Eisenmenger/Stephan, Begut-achtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung, Kommentar, 2. Aufl., Tabelle 1 zu Nr. 3.12.1, S. 178. 11 Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO, die Streitwertfestsetzung auf den §§ 47 Abs. 1, 52 Abs. 1 und 2 sowie 53 Abs. 2 Nr. 2 GKG. 12 Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 152 Abs. 1 VwGO, §§ 68 Abs. 1 Satz 5, 66 Abs. 3 Satz 3 GKG).